Die Haunebu IV Wotansklinge hing über Epsilon Eridani III wie sie über hundert Planeten davor gehangen hatte. Lautlos. Geduldig. Ein Koloss der gelernt hatte zu warten.
Wolfram von Drachau saß auf dem Kommandosessel und betrachtete den Planeten auf dem Holodisplay. Eine tote Welt. Übersät mit dem was übrig bleibt wenn Zivilisationen aufhören zu existieren – nicht mit einem Knall, sondern mit einem langen, stillen Vergessen.
Er kannte diesen Anblick. Er hatte aufgehört sie zu zählen.
Station vierunddreißig, hatte Valeska beim Einflug gesagt. Oder fünfunddreißig. Ich habe den Überblick verloren.
Er auch.
Die Sensoren hatten ihn vor zwei Stunden gefunden.
Kein Gebäude. Kein Wrack. Ein einzelner Monolith – schwarz, aus dem Boden ragend wie ein Stachel den jemand absichtlich hinterlassen hatte. Die Kryptographen arbeiteten seit dem Moment der Entdeckung. Eingravierte Runen, dicht gesetzt, von oben bis unten. Eine Sprache die niemand kannte. Oder eine die niemand mehr sprechen wollte.
Wolfram betrachtete das Hologramm das vor ihm rotierte. Langsam. Als hätte das Ding Zeit.
Vielleicht hat es das, dachte er.
„Drei Stunden“, sagte er schließlich. Seine Stimme war trocken. „Drei Stunden und die besten Köpfe dieses verdammten Imperiums kommen nicht weiter als ein betrunkener Student mit einem Sudoku-Heft.“
Valeska stand neben ihm. Ihre Augen lagen auf dem Hologramm, nicht auf ihm. „Vielleicht sind die Zeichen nicht zum Lesen gedacht.“
Er drehte den Kopf leicht. „Was dann?“
„Ein Schlüssel“, sagte sie. „Oder eine Falle.“
Er wandte sich wieder dem Display zu. „Oder beides. Die besten Fallen sind die, die so tun als wären sie der Schlüssel.“
Sie schwieg. Das war ihre Art zuzustimmen.
Stark trat nach vorne. Die halb aufgerauchte Zigarre zwischen den Zähnen war eine Konstante – Wolfram konnte sich nicht erinnern sie je brennend gesehen zu haben.
„Wir haben ein Problem, Herr Kommandant.“
„Natürlich haben wir das.“ Wolfram wandte den Blick nicht vom Hologramm. „Erzähl mir was Neues.“
Stark aktivierte eine zweite Projektion. Ein Diagramm überlagerte den Monolithen – Peilsignale, präzise gesetzt, eindeutig künstlichen Ursprungs. „Jemand war vor uns hier. Oder wusste dass wir kommen.“
Die Brücke wurde still.
Nicht die Stille eines ruhigen Moments. Die andere Art – die die entsteht wenn alle gleichzeitig aufhören zu atmen.
Wolfram lehnte sich zurück. Sein Blick blieb auf dem Diagramm. Die Signale pulsierten gleichmäßig. Geduldig. Wie das Ding selbst.
Station vierunddreißig, dachte er. Oder fünfunddreißig.
Vielleicht doch keine Routine.
„Dann haben wir Gesellschaft“, sagte Valeska.
„Ja.“ Er erhob sich langsam. „Scheinbar wollten wir nicht allein zur Party.“
Das interne Kommunikationssystem piepte.
„Feindliche Signatur.“ Götz. Knapp wie immer. „Ein Schiff. Kommt aus dem Schatten des Planeten. Bewegt sich nicht.“
Wolfram stand bereits. Seine Hände ruhten locker am Gürtel – eine Angewohnheit die älter war als die Wotansklinge. Er betrachtete die taktische Übersicht die Ragnar Falk hochzog. Ein Punkt. Keine Formation. Kein Zögern.
Die kannten ihren Auftrag.
„Absicht oder Zufall?“ fragte Valeska.
„Absicht.“ Er sagte es ohne nachzudenken. Manche Dinge weiß man bevor man sie weiß.
Er wusste nicht warum ihm das anders vorkam als die Male davor.
Ein einzelnes Schiff war keine Seltenheit. Auch fünf nicht. Peilsender auf Artefakten ebenso nicht. Einen Angriff wagte keiner auf die Wotansklinge. In der Regel entfernten sie sich noch bevor Signaturen identifiziert werden konnten. Jemand der vor ihnen da gewesen war – das hatten sie schon erlebt. Einmal sogar zweimal auf demselben Planeten.
Aber ein Schiff das wartete – das nicht angriff, nicht floh, einfach nur da war – das hatte er noch nicht gesehen. Keine Bedrohung und doch bedrohlich seltsam.
Als würden sie wissen dass er kommen würde. Nicht die Wotansklinge. Ich.
Er schob den Gedanken beiseite. Das war keine nützliche Richtung.
Draußen begannen die Haunebu-Kampfjäger sich zu formieren. Magnus hatte nicht auf den Befehl gewartet – er hatte ihn erwartet. Silhouetten gegen den dunklen Himmel des toten Planeten. Scharf. Ruhig.
Wolfram blickte ein letztes Mal auf den Monolithen. Die Runen pulsierten schwach im Licht der fernen Sonne. Als hätte das Ding die ganze Zeit gewusst dass es so kommen würde.
Vielleicht hat es das.
„Götz“, sagte er. „Bereitmachen.“
