Flammen über Epsilon Eridani

„Bergung unterbrechen.“ Wolfram sagte es ruhig. Kein Befehlston. Eine Feststellung.

Sigrid Haas blickte kurz auf. „Herr Kommandant?“

„Den Monolithen lassen wir wo er ist. Vorerst.“ Er betrachtete den einzelnen Punkt auf der taktischen Übersicht. Noch immer keine Bewegung. Noch immer kein Signal. „Wer wartet hat einen Grund dafür.“

Niemand widersprach. Das war kein Zeichen von Unterwerfung – die Crew der Wotansklinge wusste wann ein Satz keine Diskussion einlud.

Dieser war es nicht.


„Götz. Valeska. Stark.“ Er machte keine große Geste. „Einen Moment, wenn es euch recht ist.“

Es war keine Bitte und alle wussten es. Aber es klang wie eine – und das war der Unterschied.

Sie versammelten sich um den taktischen Tisch. Kein förmliches Briefing. Keine Hierarchie die sich im Raum aufstellte. Wolfram lehnte mit verschränkten Armen gegen die Konsole und betrachtete den einzelnen Punkt auf der Übersicht als würde er ein altes Rätsel betrachten das er schon einmal gesehen hatte.

„Ein Schiff“, sagte er. „Kein Angriff. Keine Kommunikation. Kein Rückzug.“ Er ließ eine Pause entstehen. „Was denkt ihr?“

Götz antwortete zuerst – wie immer wenn es um Bedrohungslagen ging. „Aufklärung. Sie wollen wissen was wir tun.“

„Oder sie wollen dass wir wissen dass sie da sind“, sagte Valeska. Ihre Augen lagen auf dem Display. „Das ist kein defensives Verhalten.“

Stark zog an seiner Zigarre – immer noch nicht brennend. „Könnte ein Köder sein. Wir beschäftigen uns mit dem einen Schiff und übersehen was dahinter kommt.“

Wolfram nickte langsam. Nichts davon überraschte ihn. Es waren dieselben Gedanken die er selbst gehabt hatte – nur ausgesprochen, sortiert, von Menschen die er seit Jahren kannte.

Das war der Punkt der Übung.

„Ich neige zu Starks Einschätzung“, sagte er schließlich. „Aber ich will keine Schlüsse ziehen bevor ich mehr weiß.“ Er blickte auf das wartende Schiff. „Sigrid – versucht eine Verbindung herzustellen. Offen, keine Verschlüsselung. Wir haben nichts zu verbergen.“

Er löste sich von der Konsole. „Und den Monolithen lassen wir bis auf weiteres in Ruhe.“


Sigrid arbeitete ruhig. Keine Hektik, keine überflüssigen Kommentare. Drei Versuche auf verschiedenen Frequenzen. Standardprotokoll. Dann die älteren Codes – die die man nur noch kannte wenn man lange genug dabei war.

Nichts.

„Keine Reaktion, Herr Kommandant.“ Sie wandte sich nicht um. „Auf keiner Frequenz.“

Wolfram hatte es erwartet. Trotzdem blieb etwas hängen – ein Unbehagen das sich nicht benennen ließ.

„Und die Signatur?“

Ragnar Falk übernahm. Er sprach wie er immer sprach – sachlich, ohne Umwege. „Antriebe sind nicht im Stand-by. Nicht im Leerlauf. Nicht im Bereitschaftsmodus.“ Eine kurze Pause. „Sie sind schlicht aus.“

„Aus“, wiederholte Wolfram.

„Ja. Kein Kampfstatus. Keine Energieaufladung. Das Schiff treibt.“

Die Brücke schwieg einen Moment.

Ein treibendes Schiff war eine Sache. Ein treibendes Schiff das einen Peilsender auf einem uralten Monolithen platziert hatte – das war eine andere.

Valeska sprach leise, fast zu sich selbst. „Es ist entweder sehr leer. Oder es will sehr leer wirken.“

Wolfram betrachtete den Punkt auf der Übersicht. Reglos. Geduldig.

Wie der Monolith.


Er brauchte einen Moment. Nicht weil er unsicher war – sondern weil er es sich erlaubte, unsicher zu sein. Das war der Unterschied zwischen einem guten Kommandanten und einem schnellen.

„Wir bergen den Monolithen“, sagte er schließlich. „Aber wir tun es jetzt. Und wir tun es sauber.“

Valeska sah ihn an. Nicht fragend. Abwartend.

„Magnus sichert den Raum ab. Ausreichend Abstand zum Unbekannten – ich will keine Provokation aber ich will auch keine Überraschungen.“ Er blickte kurz auf das treibende Schiff. „Bergungsteam geht runter mit voller Ausrüstung. Kein unnötiger Aufenthalt auf der Oberfläche.“

„Und wenn sie sich bewegen?“ fragte Götz.

„Dann haben wir eine Antwort auf eine unserer Fragen.“

Götz nickte. Das reichte ihm.

Wolfram wandte sich wieder dem Display zu. Das Schiff trieb. Der Monolith pulsierte. Irgendwo zwischen beiden saß ein Gedanke den er nicht greifen konnte – ein Gefühl das älter wirkte als diese Mission, älter als dieser Planet.

Er sagte es laut, obwohl er es fast nicht wollte.

„Das hier wird ein Spiel auf Zeit. Ich weiß nicht warum ich das denke.“ Eine kurze Pause. „Aber ich denke es.“

Niemand lachte. Das war Antwort genug.


Die Bergung dauerte vierundzwanzig Minuten.

Keine Komplikationen. Keine Überraschungen. Das Bergungsteam arbeitete schweigend und präzise – so wie immer wenn alle wussten dass Reden nichts beschleunigt. Der Monolith wurde gesichert, verpackt, transportiert. Schwerer als erwartet, meldete der Teamführer. Wolfram notierte es und schwieg.

Das treibende Schiff rührte sich nicht.

„Laderaum meldet Eingang gesichert“, sagte Sigrid.

Wolfram atmete einmal tief durch. Nicht hörbar. Nicht demonstrativ.

„Gut. Rückzug einleiten. Magnus hält den Perimeter bis alle an Bord sind.“

Er löste sich von der Übersicht. Trat einen Schritt zurück. Das Unbehagen war noch da – kleiner jetzt, aber nicht weg. Wie ein Ton den man nicht mehr hört aber noch spürt.

Vielleicht war es doch Routine, dachte er.


Dann veränderten sich die Anzeigen auf Ragnars Konsole gleichzeitig.

Nicht nacheinander. Gleichzeitig.

„Der Monolith—“ Ragnars Stimme. Ruhig, aber eine Nuance zu hoch. „Er reagiert auf etwas. Energiesignatur steigt.“

Wolfram war bereits auf dem Weg zurück zur Übersicht als der erste Einschlag kam.

Keine Vorwarnung. Kein Signal. Die Wotansklinge erzitterte – nicht das sanfte Schwingen eines Manövers sondern das harte, kurze Zucken eines Treffers der genau weiß wohin er will.

Magnus brauchte kein Kommando.

Die Kampfjäger sprangen gleichzeitig an – als hätten sie darauf gewartet, als hätte Magnus es schon gewusst bevor der erste Schuss fiel. Silhouetten die sich in alle Richtungen verteilten, präzise, ohne Panik.

„Signaturen“, sagte Wolfram. Scharf jetzt. Kein Raum mehr für Pausen.

„Vier—“ Ragnar stockte. „Fünf Kreuzer. Schwer bewaffnet.“ Eine kurze Pause die zu lang war. „Ich kann nicht sagen wer sie sind. Nichts passt in unsere Datenbanken.“

Niemand passt in die Datenbanken bedeutete entweder sehr alt oder sehr neu. Beides war keine gute Nachricht.

Valeska stand bereits neben ihm. „Der Monolith hat sie gerufen.“

Wolfram betrachtete die fünf Punkte die aus dem Nichts aufgetaucht waren. Groß. Schnell. Ohne Zögern.

Das Spiel auf Zeit, dachte er. Es hat gerade begonnen.

„Götz“, sagte er. „Volles Rohr.“


Die ersten Salven trafen die Schilde der Wotansklinge wie Fäuste gegen eine Mauer. Hart. Methodisch. Aber ohne die Präzision die man von Schiffen dieser Größe erwarten würde.

„Schilde bei achtzig Prozent“, meldete Stark. „Die wissen wo sie treffen müssen – aber sie treffen nicht.“

Wolfram hörte es. Verarbeitete es. Sagte nichts.

Götz arbeitete. Die Kraftstrahlkanonen feuerten in kurzen, gezielten Salven – keine Verschwendung, keine Geste. Magnus‘ Staffel hatte die Formation der Kreuzer bereits aufgebrochen, trieb zwei von ihnen auseinander, zwang sie zu Manövern die sie voneinander trennten.

Ein Treffer. Ein Kreuzer fiel aus der Formation.

Dann ein zweiter.

„Schilde bei sechzig Prozent.“ Starks Stimme. Ruhig, aber der Unterton war da. „Der dritte zielt auf den Laderaum.“

Wolfram registrierte es. Der Laderaum. Wo der Monolith lag.

Natürlich.

„Magnus – den dritten.“

Keine Sekunde Verzögerung. Die Kampfjäger schwärmten auf den dritten Kreuzer ein wie ein Schwarm der sein Ziel kennt. Gezielte Treffer auf die Antriebe. Nicht vernichten – lähmen. Der Kreuzer drehte ab.

Und dann, fast zu früh, zogen sich die verbliebenen Schiffe zurück. Kein letzter Angriff. Kein verzweifelter Vorstoß. Sie sprangen gleichzeitig in den Hyperraum – koordiniert, als wäre ein Signal gegeben worden das niemand auf der Wotansklinge gehört hatte.

Stille.

Stark meldete nach einem Moment. „Schilde bei vierzig Prozent. Leichte Strukturschäden am Heck. Keine Verluste.“

Wolfram stand in der Mitte der Brücke und betrachtete die leere taktische Übersicht.

Valeska sprach zuerst. „Das war zu einfach.“

„Ja.“ Er wandte sich nicht um. „Viel zu einfach.“

Das war keine Erleichterung in seiner Stimme. Es war etwas anderes.

Götz trat neben ihn. Leise, fast beiläufig. „Sie wollten uns nicht vernichten.“

„Nein“, sagte Wolfram. „Sie wollten etwas anderes.“

Er blickte in Richtung Laderaum.


„Das erste Schiff“, sagte Ragnar. Eine Pause. „Es ist noch da.“

Wolfram drehte sich um. „Unbeschädigt?“

„Vollständig unbeschädigt. Keine Veränderung der Signatur. Als hätte der Kampf nicht stattgefunden.“

Wolfram trat zur Übersicht. Das einzelne Schiff hing noch immer auf derselben Position – reglos, antriebslos, geduldig.

Dann flimmerte es.

Nicht das Bild. Das Schiff selbst. Ein kurzes, kaum wahrnehmbares Zucken – als würde die Realität um es herum kurz die Meinung ändern. Und für einen Moment, einen einzigen, glaubte Wolfram etwas anderes zu sehen.

Die Wotansklinge.

Ihre eigene Silhouette. Unmissverständlich. Für den Bruchteil einer Sekunde – und dann weg.

Das Schiff war wieder das Schiff. Reglos. Geduldig.

Stille auf der Brücke.

Valeska sprach als erste. Ihre Stimme war einen Ton zu kontrolliert. „Hat jemand anderes—“

„Ja“, sagte Götz.

Niemand sagte mehr. Es gab nichts zu sagen. Keine Kategorie in die dieser Moment passte, keine Erfahrung die ihn einordnete.

Wolfram betrachtete das Schiff noch einen langen Moment.

Dann verschwand es. Lautlos. Ohne Sprung, ohne Antrieb. Einfach – nicht mehr da.

„Das“, sagte Stark nach einer Weile, „gab es noch nie.“

Wolfram schwieg. Er dachte an den Monolithen im Laderaum. An die Runen die niemand lesen konnte. An ein Spiel auf Zeit dessen Regeln er nicht kannte.

Erste Runde, dachte er.

Was auch immer das war.

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Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.