Die Wotansklinge war still.
Nicht die Stille vor dem Kampf – die hatte Spannung in sich, eine aufgeladene Ruhe die jeden Atemzug bewusst machte. Das hier war die andere Art. Die Stille danach. Schwerer. Leerer.
Stark erstattete Bericht ohne aufgefordert zu werden. So war er immer nach Gefechten – als müsste er die Schäden laut aussprechen um sie wirklich zu verstehen.
„Strukturschäden am Heck, Sektion sieben und neun. Reparierbar innerhalb von achtundvierzig Stunden.“ Er zog an seiner Zigarre. Immer noch nicht brennend. „Schilde brauchen sechs Stunden Regenerationszeit. Zwei Kraftstrahlkanonen auf reduzierter Kapazität – Kühlsysteme überhitzt, kein Schaden an den Rohren selbst.“
„Verluste?“ fragte Wolfram.
„Keine.“ Eine Pause. „Drei Leichtverletzte beim Bergungsteam. Sturz beim Einschlag. Nichts Ernstes.“
Wolfram nickte. Langsam. Er ließ es einen Moment stehen – die Zahl Null die manchmal die schwerste aller Zahlen war, weil man wusste dass sie nicht immer so aussah.
„Gut“, sagte er schließlich. Mehr nicht.
Sie versammelten sich wieder um den taktischen Tisch. Dieselben Gesichter wie vorher – aber etwas hatte sich verändert. Nicht die Hierarchie, nicht die Rollen. Nur das Gewicht im Raum.
„Fünf Kreuzer“, begann Wolfram. „Schwer bewaffnet. Keine identifizierbaren Signaturen.“ Er ließ seinen Blick über die Runde wandern. „Sie haben uns getroffen aber nicht ernsthaft beschädigt. Sie hatten den Laderaum im Visier – nicht die Brücke, nicht die Antriebe, nicht die Lebenserhaltung.“ Eine Pause. „Was wollten sie?“
„Den Monolithen zurück“, sagte Götz. Ohne Zögern.
„Oder sie wollten verhindern dass wir ihn behalten“, sagte Valeska. „Das ist nicht dasselbe.“
Ragnar Falk lehnte über seinem Display. „Wenn sie ihn wollten hätten sie ihn haben können. Bevor wir überhaupt ankamen. Der Peilsender war bereits dort.“
Stille.
Das stimmte. Wolfram hatte es bereits gedacht aber es laut zu hören veränderte es.
„Sie haben uns hierher gelockt“, sagte er.
„Oder sie haben gewartet wer kommt“, sagte Valeska.
Wieder Stille. Länger diesmal.
Niemand hatte eine Antwort. Das war selten auf der Wotansklinge – nicht weil seine Crew keine Fragen stellte, sondern weil sie gewöhnlich irgendwo anschlug. Diesmal nicht. Die Fragen prallten von der Situation ab wie von einer Oberfläche die nichts zurückwarf.
„Wir werden keine Antworten finden die heute Nacht noch Sinn ergeben“, sagte Wolfram schließlich. „Aber wir stellen die Fragen trotzdem. Schriftlich. Alles was wir gesehen haben, alles was wir gemessen haben.“ Er blickte kurz in Richtung Laderaum. „Und jemand fängt an den Monolithen zu dokumentieren. Keine Versuche ihn zu öffnen oder zu aktivieren. Nur beobachten.“
Er löste die Versammlung ohne ein weiteres Wort. Manchmal war das die einzige sinnvolle Entscheidung.
Er fand sie an der Aussichtsfront des hinteren Korridors – einem schmalen Streifen Transparenstahl der den Blick auf den Weltraum freigab und den fast niemand nutzte weil er zu abgelegen war und zu wenig Zweck hatte.
Valeska stand dort und betrachtete die Sterne. Oder das was von ihnen zu sehen war – Epsilon Eridani III hing noch immer im Blickfeld, grau und schweigsam.
Er stellte sich neben sie. Sagte nichts.
Eine Weile standen sie so.
„Du hast es auch gesehen“, sagte sie schließlich. Keine Frage.
„Ja.“
„Die Wotansklinge.“
„Ja.“
Sie wandte sich nicht um. „Götz hat es gesehen. Ragnar auch. Sigrid hat nichts gesagt aber ihr Gesicht hat alles gesagt.“
„Ich weiß.“
Wieder Stille. Die vertraute Art – die die zwischen zwei Menschen entsteht die lange genug zusammen sind um zu wissen wann Worte nichts hinzufügen.
„Es macht keinen Sinn“, sagte Valeska.
„Nein.“
„Ein Schiff das uns spiegelt. Das antriebslos treibt und dann einfach—“ Sie ließ den Satz unvollendet.
„Verschwindet“, sagte er.
„Ja.“
Er betrachtete den Planeten. Die Oberfläche die nichts mehr von dem verriet was dort unten gestanden hatte. Alle Zivilisationen hinterlassen etwas. Manchmal nur einen Stachel aus schwarzem Material der Runen trägt die niemand lesen kann.
„Ich mache es nicht zum offiziellen Thema“, sagte er. „Noch nicht. Alle haben es gesehen – jeder wird seine eigene Einordnung finden müssen.“ Eine kurze Pause. „Aber ich vergesse es nicht.“
Valeska nickte. Minimal. Das war genug.
Sie stand noch einen Moment. Dann:
„Wolfram.“
Er hörte den Ton. Kannte ihn.
„Was ist?“
„Das Schiff das uns gespiegelt hat.“ Sie zögerte – und Valeska zögerte nie. „Ich hatte das Gefühl dass es uns nicht beobachtet hat.“
Er wartete.
„Ich hatte das Gefühl dass es uns gewarnt hat.“
Das Kommunikationssystem piepte. Sigrid Haas. Ihre Stimme war einen Ton zu ruhig für gute Nachrichten.
„Herr Kommandant. Wir empfangen einen Notruf.“ Eine Pause. „Auf einer Frequenz die seit Jahren nicht mehr verwendet wurde.“
Wolfram richtete sich auf. „Woher?“
„Die Signatur—“ Eine kurze Pause die zu lang war. „Es ist die Stormraven.“
Er stand still.
Die Stormraven. Arvid Halvarssons Schiff. Projekt Nordmark unterstellt, Svenska Rymdflottan zugehörig – einer der wenigen Kapitäne die Wolfram ohne Vorbehalt als gleichgestellt betrachtete, auch wenn die Dienstgrade das nicht widerspiegelten. Sie hatten zusammen Missionen gefochten die niemand in offiziellen Berichten dokumentiert hatte. Arvid war jemand der nie um Anerkennung bat und sie trotzdem verdiente.
Und dann war die Stormraven eines Tages nicht mehr zurückgekehrt.
Kein Wrack. Kein Signal. Nichts. In einem Raum der zu unübersichtlich geworden war um Vermisste zu suchen verlor man irgendwann den Faden – nicht weil man aufgab, sondern weil der Faden irgendwo im Dunkeln aufhörte.
Er hatte irgendwann aufgehört auf eine Nachricht zu warten.
„Spiel es ab“, sagte er.
Die Stimme kam durch Rauschen. Verzerrt, fragmentiert – als hätte der Weltraum selbst versucht sie aufzuhalten.
Aber er erkannte sie sofort.
„Hier spricht Kapitän Arvid Halvarsson von der Stormraven. Wir befinden uns—“ Rauschen. „—unter schwerem Beschuss. Koordinaten—“ Ein Einschlag, irgendwo im Hintergrund. Metall das nachgibt. „—können nicht mehr lange halten. Falls jemand dies hört—“
Eine Pause. Kurz. Als würde jemand nach Worten suchen die es nicht gab.
„Wolfram. Falls du das hörst.“
Stille auf dem Korridor.
„Wir sind nicht allein hier draußen. Es gibt Dinge—“ Wieder Rauschen. Schlimmer diesmal. „—die Runen. Wolfram, die Runen sind—“
Die Verbindung brach ab.
Nicht langsam. Nicht mit einem letzten Knistern. Einfach – weg.
Wolfram stand still. Betrachtete den Lautsprecher als würde er noch etwas erwarten. Noch ein Wort. Eine Koordinate. Irgendetwas.
Nichts.
Valeska sprach leise. „Die Runen.“
Er hörte es. Verarbeitete es. Der Monolith im Laderaum. Die Runen die niemand lesen konnte. Arvid der seit Monaten – wie lange genau? Er hatte irgendwann aufgehört zu zählen – verschwunden war.
Und jetzt das.
„Koordinaten“, sagte er. Ruhig. Sehr ruhig.
„Sigrid arbeitet daran“, kam die Antwort aus dem Kommunikationssystem. „Die Verbindung war zu kurz für eine vollständige Triangulation. Aber wir haben einen Sektor.“
„Wie groß?“
Eine Pause. „Groß.“
Wolfram schloss einen Moment die Augen. Öffnete sie wieder.
Das Spiel auf Zeit, dachte er. Und Arvid sitzt irgendwo mittendrin.
„Kurs berechnen“, sagte er. „Besten verfügbaren Kurs in den Sektor.“ Er wandte sich zu Valeska. Ihr Gesicht verriet nichts – aber ihre Augen sagten alles. „Und jemand weckt Stark. Ich will die Schilde in drei Stunden auf sechzig Prozent.“
Er bewegte sich bereits in Richtung Brücke.
„Wolfram.“ Valaskas Stimme. Er blieb stehen ohne sich umzudrehen. „Die Runen. Was hat er sagen wollen?“
„Ich weiß es nicht.“ Er machte weiter. „Aber ich denke der Monolith weiß es.“
