Der Ruf aus der Dunkelheit

Der Monolith füllte den Laderaum nicht aus. Er stand darin – und doch wirkte der Raum kleiner seit er dort stand.

Wolfram blieb in der Türöffnung stehen. Betrachtete ihn einen Moment bevor er eintrat. Aus der Nähe war er noch schwärzer als auf den Displays – nicht das Schwarz von Material sondern das Schwarz von etwas das keine Reflexion duldete. Die Runen bedeckten jede Oberfläche, dicht und gleichmäßig. Unverändert. Schweigend.

Die Delegation hatte sich bereits versammelt. Vier Wissenschaftler – die besten die die Wotansklinge zu bieten hatte. Zwei Kryptographen, ein Materialforscher, ein Spezialist für vorgeschichtliche Artefakte der eigentlich für etwas völlig anderes zuständig war aber seit der Bergung keine Ruhe mehr gefunden hatte.

Und Siegfried.

Er stand etwas abseits von den anderen. Nicht ausgeschlossen – einfach woanders. Seine Augen lagen auf dem Monolithen mit einer Konzentration die anders aussah als die der Wissenschaftler. Weniger analytisch. Mehr – horchend.

Wolfram sagte nichts. Er trat ein.


Sie arbeiteten zwei Stunden.

Die Kryptographen verglichen die Runen mit allen bekannten Schriftsystemen in den Datenbanken – vorgeschichtlich, außerirdisch, spekulativ. Keine Übereinstimmung. Nicht einmal eine partielle.

Der Materialforscher nahm Messungen vor. Das Material war nicht klassifizierbar – weder in Zusammensetzung noch in Alter. Das Gerät gab Werte aus die er dreimal wiederholte und beim dritten Mal einfach abschaltete.

„Das Gerät hat einen Fehler“, sagte er.

Niemand glaubte ihm. Er selbst auch nicht.

Der Artefaktspezialist fotografierte, notierte, fotografierte erneut. Am Ende seiner Arbeit hatte er zweiundvierzig Seiten Notizen und keine einzige Schlussfolgerung.

Siegfried versuchte es anders.

Er trat nah heran – näher als die anderen es getan hatten – und legte eine Hand in die Nähe der Oberfläche. Nicht berühren. Nur nähern. Augen geschlossen. Ruhig.

Einer der Kryptographen warf dem anderen einen kurzen Blick zu. Kaum merklich. Das Lächeln das keines sein wollte.

Siegfried bemerkte es. Öffnete die Augen. Sagte nichts.

Trat einen Schritt zurück. Betrachtete die Runen weiter – diesmal mit den Augen offen, von etwas weiter weg. Als würde Distanz manchmal mehr verraten als Nähe.

Der Monolith schwieg. Für alle gleich.


Am Ende stand Wolfram noch einmal allein davor. Die anderen hatten den Laderaum verlassen – der Artefaktspezialist als letzter, widerwillig, als hätte er das Gefühl etwas zu verpassen das sich nicht ankündigen würde.

Nur Siegfried blieb.

Wolfram betrachtete das Ding. Der Monolith betrachtete nichts – er war einfach da.

„Und?“ sagte er schließlich. Nicht zu Siegfried. Nicht zu den Runen. Einfach in den Raum hinein.

Keine Antwort. Natürlich nicht.

Siegfried trat neben ihn. „Es ist nicht stumm“, sagte er. Leise, ohne Rechtfertigung. „Es spricht nur nicht mit uns.“

Wolfram drehte sich nicht zu ihm um. „Was ist der Unterschied?“

„Wir sind noch nicht die richtigen Zuhörer.“

Wolfram ließ das stehen. Dachte daran was Arvid über die Runen hatte sagen wollen bevor die Verbindung abbrach. Dachte an das flimmernde Schiff. An die Kreuzer die den Laderaum im Visier gehabt hatten.

Er wandte sich ab.

„Zugang ab sofort eingeschränkt“, sagte er. „Niemand betritt den Laderaum allein. Zwei Personen minimum, immer. Kein Versuch das Objekt zu aktivieren oder zu manipulieren.“ Er machte einen Schritt zur Tür. „Und alle Beobachtungen werden täglich schriftlich festgehalten.“

Siegfried schwieg.

„Hast du etwas gesehen?“ fragte Wolfram ohne sich umzudrehen. „Etwas das die anderen nicht gesehen haben?“

Eine kurze Pause.

„Nein“, sagte Siegfried.

Wolfram trat aus dem Laderaum. Die Tür schloss sich hinter ihm.

Vielleicht stimmte das sogar, dachte er. Vielleicht hatte er auch nichts gesehen.

Nur gespürt.


Wolfram hatte den Laderaum kaum verlassen als das Kommunikationssystem piepte.

Nicht der scharfe Alarmton. Der andere – ruhiger, aber hartnäckiger. Triangulierung abgeschlossen.

Er blieb im Korridor stehen.

Sigrids Stimme. Knapp. „Herr Kommandant. Der zweite Funkspruch – wir haben die Koordinaten.“

„Ich komme.“

Als er die Brücke betrat hatte Ragnar Falk bereits die Übersicht hochgezogen. Drei Gesichter wandten sich zu ihm. Konzentration die sich laut machte.

„Helheim Drift“, sagte Sigrid. „Sektor neun. Eine Station.“ Sie zögerte einen Moment – und Sigrid zögerte nie. „Projekt Nordmark zugehörig. Aufgegeben seit Jahrhunderten. Laut allen Aufzeichnungen sollte dort niemand sein.“

Wolfram trat zur Übersicht. Betrachtete die Koordinaten.

Zwei Signale. Arvid irgendwo weit entfernt, nicht näher zu bestimmen. Und eine Stimme aus einer Station die seit Jahrhunderten leer sein sollte.

Das Spiel auf Zeit, dachte er. Und ich habe gerade zwei Züge gleichzeitig.

Er sagte nichts. Ließ die Übersicht vor sich stehen und dachte.

Arvid. Der Notruf war eindeutig gewesen – schwerer Beschuss, keine Zeit. Jede Stunde die verging machte es schlimmer. Das wusste er.

Aber Arvid war weit. Zu weit für eine blinde Suche ohne mehr Informationen. Und der zweite Funkspruch – jemand auf einer Station die keine lebenden Menschen beherbergen sollte – hatte über Runen gesprochen. Genau wie Arvid. Bevor die Verbindung abbrach.

Kein Zufall, dachte er. Zwei Enden desselben Fadens.

Die Helheim Drift war näher. Erreichbar. Konkret.

Er spürte es mehr als er es dachte – dass dieser Schachzug gemacht werden musste bevor er Arvid helfen konnte. Nicht weil Arvid weniger zählte. Sondern weil eine blinde Suche Arvid nicht rettete. Informationen retteten Arvid.

Und auf dieser Station warteten welche.

Er richtete sich auf. „Kurs auf die Helheim Drift.“ Er ließ keinen Raum für Diskussion – aber er erklärte es trotzdem. Weil er das tat. „Arvid ist weit und wir haben keine Koordinaten. Was auch immer auf dieser Station ist – es hängt mit den Runen zusammen. Mit allem.“ Eine Pause. „Wir holen erst was dort ist. Dann Arvid.“

Götz nickte. Minimal. Das reichte.

Valeska sagte nichts. Aber ihr Blick sagte dass sie dieselbe Rechnung gemacht hatte.

„Wie lange bis die Schilde auf sechzig Prozent sind?“ fragte Wolfram.

„Vier Stunden“, sagte Stark.

„Dann haben wir vier Stunden.“ Er wandte sich ab. „Nutzt sie.“


Die Drift empfing sie anders als andere Regionen.

Nicht mit Feindkontakt. Nicht mit Alarm. Sondern mit dem langsamen, fast unmerklichen Gefühl dass die Systeme der Wotansklinge mehr Arbeit leisteten als gewöhnlich – als würde der Raum selbst Widerstand bieten. Die Sensoren lieferten Daten die Ragnar Falk dreimal überprüfte bevor er sie weitergab. Der Nebel um sie herum war nicht dicht – er war einfach da, und er veränderte wie Entfernungen wirkten.

Die Station tauchte auf dem Display auf wie etwas das schon immer dort gewesen war.

Klein. Alt. Die Architektur erkennbar – Projekt Nordmark, aber aus einer Zeit die niemand an Bord persönlich kannte. Metall das Jahrhunderte überstanden hatte ohne zu verrotten, ohne zu vergehen. Als hätte jemand dafür gesorgt dass es blieb.

„Keine aktiven Systeme“, meldete Ragnar. „Keine Energiesignatur. Keine Lebenszeichen auf den Sensoren.“

„Und doch hat jemand gesendet“, sagte Götz.

Wolfram betrachtete die Station auf dem Display. „Landungsteam. Götz, du führst. Vollständige Ausrüstung. Ich will niemanden der alleine durch eine Tür geht.“


Die Schleusentore öffneten sich mit einem Knirschen das zu laut war für den Raum.

Das Metall unter ihren Stiefeln war kalt – nicht die Kälte des Vakuums, sondern die andere. Die Kälte von Räumen die zu lange ohne Wärme gewesen waren. Die Wände waren mit einer dünnen Eisschicht überzogen die im Licht ihrer Lampen schimmerte.

Und dann die Runen.

Götz blieb stehen. Hob eine Hand. Das Team hielt an.

Die Wände waren bedeckt – von Boden bis Decke, lückenlos, dieselben Zeichen die auf dem Monolithen im Laderaum der Wotansklinge standen. Nicht dieselbe Hand. Nicht dieselbe Zeit. Aber dieselbe Sprache.

Niemand sprach.

Sie bewegten sich weiter. Korridor um Korridor – alle gleich, alle schweigend, alle übersät mit Runen die im Lampenlicht fast zu flimmern schienen. Das Team arbeitete professionell. Aber die Abstände zwischen den Männern wurden kleiner als sie sein sollten.

Niemand erwähnte es.

Dann – ein Geräusch.

Keine Bewegung. Kein Schritt. Ein Atem. Kaum hörbar, fast nicht da – aber in der Stille der Station war es laut wie ein Schuss.

Götz richtete seine Waffe auf die Dunkelheit am Ende des Korridors. Das Team folgte.

„Wer ist da?“

Stille.

Dann, aus dem Schatten – eine Gestalt. Langsam. Als würde Bewegung Schmerzen bereiten. Ein Mann. Abgemagert bis auf die Knochen, seine Uniform ein Fetzen der einmal etwas bedeutet hatte. Seine Augen – als das Lampenlicht sie traf – waren leer auf eine Art die nicht von Hunger kam.

Er hob eine zitternde Hand. Deutete hinter sie.

„Ihr seid zu spät“, flüsterte er.

Das Team drehte sich um.

Da war nichts. Nur der Korridor aus dem sie gekommen waren. Dieselben Runen. Dieselbe Stille.

Aber das Gefühl – das war neu.

Das Gefühl beobachtet zu werden von etwas das keinen Platz belegte. Das keinen Schatten warf. Das einfach da war – zwischen den Runen, hinter dem Licht, in dem Raum zwischen einem Atemzug und dem nächsten.

Götz senkte die Waffe nicht. „Was ist noch hier?“

Der Mann antwortete nicht. Seine Augen wanderten an ihnen vorbei – durch sie hindurch – als würde er etwas sehen das sie nicht sehen konnten.

„Mitnehmen“, sagte Götz. Ruhig. Endgültig. „Jetzt.“

Sie bewegten sich. Rückwärts, das Gesicht zum Korridor, die Waffen auf die Dunkelheit gerichtet. Die Schatten folgten nicht – griffen nicht an – machten nichts.

Sie waren einfach da.

Und das war schlimmer.


Die Schleuse der Wotansklinge schloss sich hinter ihnen mit einem Laut der endgültiger klang als gewöhnlich.

Der Mann wurde von zwei Sanitätern übernommen. Er ließ es geschehen – kein Widerstand, keine Frage, kein Wort mehr. Seine Augen blieben leer.

Wolfram stand in der Schleuse und betrachtete ihn.

Keine Uniform die er zuordnen konnte. Kein Rangabzeichen. Keine Identifikation. Jemand der auf einer Station gelebt hatte die seit Jahrhunderten verlassen war – und der trotzdem noch atmete.

Oder der trotzdem noch hier war, korrigierte er sich. Das war nicht dasselbe.

„Krankenstation“, sagte er. „Niemand spricht mit ihm bevor ich es tue.“

Götz trat neben ihn als die anderen gegangen waren. Schweigend einen Moment.

„Die Schatten“, sagte er schließlich. Nicht als Frage.

„Ich weiß nicht was das war“, sagte Wolfram.

„Nein.“ Götz betrachtete die geschlossene Schleuse. „Ich auch nicht.“

Sie standen noch einen Moment. Dann wandte Wolfram sich ab.

„Kurs auf Arvid“, sagte er. „Wir haben genug Zeit verloren.“

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Sirius B – Der Ruf der GötterKapitel 05

Die Schatten von Helheim

Die Helheim Drift lag hinter ihnen. Ragnar Falk meldete es ohne aufgefordert zu werden – Koordinaten bestätigt, Kurs gesetzt, Antriebe…

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.