Kapitel 5 – Die Schatten von Helheim
Die Helheim Drift lag hinter ihnen.
Ragnar Falk meldete es ohne aufgefordert zu werden – Koordinaten bestätigt, Kurs gesetzt, Antriebe im Normalbetrieb. Die Zahlen stimmten. Alles andere nicht.
Wolfram betrat die Brücke und sah Karl Seidel.
Nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal im Licht.
Er saß auf dem Beobachtungssitz nahe der hinteren Konsole – die Schultern eingefallen, die Augen auf einen Punkt gerichtet der nicht auf der Wotansklinge lag. Sein Atem war gleichmäßig. Das war das Einzige an ihm das normal wirkte.
Valeska stand in der Nähe. Sie hatte den Blick auf die Übersicht gerichtet – aber Wolfram kannte sie gut genug um zu wissen dass sie Karl beobachtete.
„Schilde?“ fragte er.
„Sechzig Prozent“, sagte Ragnar. „Stabil.“
„Verfolger?“
„Keine Signaturen. Reiner Raum.“
Wolfram nickte. Er trat einen Schritt auf Karl zu. Blieb stehen.
Der Mann auf dem Beobachtungssitz war laut allen Aufzeichnungen seit Jahrhunderten tot. Laut der Station selbst hatte er sie nie verlassen. Laut den Sensoren der Wotansklinge war er ein Mensch – Herzschlag, Atemfrequenz, Körpertemperatur. Alles vorhanden. Alles messbar.
Alles falsch, dachte Wolfram. Irgendetwas daran ist falsch.
„Karl.“
Die Augen bewegten sich. Langsam. Als käme die Bewegung aus großer Tiefe.
„Was hast du gesehen?“
Karl antwortete nicht sofort. Seine Hände lagen flach auf den Oberschenkeln. Er betrachtete sie – als wären sie neu.
„Nicht gesehen“, sagte er schließlich. „Gespürt.“ Eine Pause. „Es ist der falsche Begriff. Auch gespürt stimmt nicht.“
Ragnar Falk sah von seiner Konsole auf. „Energiesignatur? Feldverzerrung?“
Karl hob den Blick. Sah Ragnar an, lange, ohne Feindseligkeit. Als würde er eine Frage übersetzen die in einer anderen Sprache gestellt worden war.
„Es hat kein Signal“, sagte er. „Es braucht keins.“
Ragnar wollte nachhaken. Wolframs Hand – ein kurzes, minimales Heben – stoppte ihn.
Wolfram betrachtete Karl. Die eingefallenen Wangen. Die Uniform die einmal eine Größe hatte und jetzt zu viel Platz ließ. Die Augen die wieder auf diesen Punkt gerichtet waren der nicht im Raum lag.
Jahrhunderte, dachte er. Laut allen Aufzeichnungen.
„Was ist es?“ fragte er.
Karl öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
Dann, leiser:
„Es gibt kein Wann“, sagte er. „Nur das Gewicht davon.“
Stille.
Dann richtete Karl den Blick direkt auf Wolfram. Nicht durch ihn hindurch – auf ihn. Zum ersten Mal.
„Ihr seid nicht zufällig hier“, sagte er. Die Stimme war immer noch rau, aber der Ton war anders. Klarer. Als hätte er einen Schalter gefunden den er lange gesucht hatte. „Und sie wissen das.“
Es geschah ohne Vorwarnung.
Karl hörte auf zu atmen.
Nicht lange. Aber die Brücke war still genug dass jeder es hörte.
Ragnar Falk sah von seiner Konsole auf. Nicht weil ein Alarm ertönte – weil keiner ertönte. Weil alles aufhörte. Die Lüftung war noch da, die Instrumente summten, der Antrieb arbeitete. Aber irgendetwas in der Luft hatte sich verändert – ein Druck der nicht von außen kam.
Sigrid Haas hörte auf zu tippen.
Sie wusste nicht warum.
Karls Hände – eben noch flach auf den Oberschenkeln – pressten sich langsam gegen die Sitzfläche. Keine dramatische Geste. Nur dieser Druck. Als würde jemand von innen drücken.
Dann sprach er.
Dieselbe Stimme. Aber ohne den Atem dahinter.
„Der Weg ist geschlossen.“
Niemand bewegte sich. Wolfram spürte es im Brustkorb – nicht Schmerz, kein Schrecken. Etwas Älteres. Etwas das den Körper erinnerte bevor der Kopf verarbeiten konnte.
„Die Tore sind versiegelt.“
Der Satz hing im Raum. Aber es war nicht der Satz der drückte.
Es war das was danach kam – keine Stille, kein Laut, kein Alarm. Nur ein Druck der sich von innen nach außen fraß. Wie Luft die nirgends hin kann. Wie der Moment vor dem Einschlag wenn man den Einschlag noch nicht hört.
Sigrid fasste sich an die Schläfe. Ragnar atmete flach. Valeska stand still – zu still, die Art von Still die mehr Kraft kostet als Bewegung.
Wolfram spürte es hinter den Augen.
Dann:
„Blut und Verrat.“ Eine Pause die zu lang war. „Sie können sie wieder öffnen.“
Und dann – Atem. Karls eigener. Hörbar.
Die Luft veränderte sich zurück. Nicht schnell. Wie ein Druck der langsam abbaut, Millimeter für Millimeter, bis man erst im Nachlassen merkt wie schwer er gewesen war.
Ragnar räusperte sich. Ein kleines, unbeholfenes Geräusch. Er wandte sich wieder seiner Konsole zu obwohl es dort nichts Neues gab.
Karl blinzelte. Sah auf seine Hände. Löste sie langsam von der Sitzfläche.
Valeska sprach leise. „Hat er gewusst was er gerade gesagt hat?“
Wolfram betrachtete Karl.
„Nein“, sagte Karl. Ruhig. Fast entschuldigend. „Nicht immer.“
Stille.
Stark, der in der Türöffnung gestanden hatte ohne dass jemand es bemerkt hatte, trat einen Schritt zurück in den Korridor. Sagte nichts. Ging.
Wolfram trat auf Karl zu. Valeska einen halben Schritt dahinter.
Karl saß noch immer auf dem Beobachtungssitz – aber anders als vorher. Die Schultern nicht ganz so eingefallen. Die Hände ruhig im Schoß. Und dann, kaum wahrnehmbar, ein Zug um den Mundwinkel. Kein Lächeln das Kraft hatte – aber eines das da war.
Wolfram blieb stehen. Betrachtete ihn.
„Wolfram.“ Ragnars Stimme. Ruhig, aber eine Nuance zu konzentriert. „Verzerrungen. Vier Punkte, unregelmäßig verteilt. Keine Signaturen – die Geräte messen etwas aber ich kann nicht sagen was.“
„Bewegung?“ fragte Wolfram. Den Blick noch auf Karl.
„Nein.“ Eine Pause. „Sie sind einfach da.“
Niemand fragte nach einer Erklärung. Das war neu – die Wotansklinge war kein Schiff das Erklärungen scheute. Aber nach dem was gerade auf der Brücke gewesen war hatte niemand mehr Kapazität für Kategorien.
Valeska trat neben Wolfram. Leise: „Sie sind mitgekommen.“
Er antwortete nicht. Trat ans Fenster.
Draußen war Raum. Dunkel, gleichmäßig, leer – so wie immer. Nichts das man sehen konnte. Nichts das zurückblickte.
Und doch.
Das Spiel auf Zeit, dachte er. Und wir wissen die Regeln immer noch nicht.
„Kurs halten“, sagte er schließlich. „Und jemand bringt Karl auf die Krankenstation. Er braucht Ruhe.“
Er wandte sich nicht um. „Wir alle tun das.“
