Der Sprung brach ab bevor er begann.
Kein Einschlag, kein Alarm – zuerst nur das Sicherheitsprotokoll das sich in alle Systeme gleichzeitig fraß und die Wotansklinge aus dem Anlauf riss wie eine Hand die einen Laufenden am Kragen packt. Stark würde später sagen dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Dass ein direkter Treffer dieser Stärke beim Sprung das Schiff in seine Bestandteile zerlegt hätte.
Später.
Jetzt erzitterte die Wotansklinge unter dem zweiten Einschlag – dem echten, dem der ohne Protokoll einfach ankam – und das Licht wechselte in den Gefechtsmodus bevor irgendjemand den Befehl gegeben hatte.
Wolfram stand bereits.
„Wer“, sagte er. Keine Frage. Eine Anforderung.
„Signaturen kommen rein“, meldete Ragnar. Seine Stimme war ruhig, aber seine Hände arbeiteten. „Drei Vektoren. Mindestens—“ Er stockte. „Fünf Schiffe. Schwer bewaffnet.“
Wolfram betrachtete die taktische Übersicht die sich aufbaute. Drei Angriffsvektoren. Koordiniert. Präzise.
Auf dem Hangardisplay leuchteten bereits die Startfreigaben auf. Magnus hatte seine Staffel in dem Moment aktiviert in dem das Protokoll gegriffen hatte – nicht auf Befehl, nicht auf Signal. Einfach weil Magnus Magnus war. Die Jäger standen bereit bevor die Brücke wusste gegen wen.
Arvid wartet, dachte Wolfram.
„Na schön“, sagte er. „Dann machen wir das hier zuerst.“
Wolfram wandte sich zur Brücke. „Magnus.“
Magnus war bereits in Bewegung. Nicht in Eile – in der ruhigen, zweckgebundenen Art eines Mannes der genau weiß wohin er geht und warum. Er lief an Wolfram vorbei, die Augen bereits auf den Hangar gerichtet, die Hand am Kommunikationsgerät.
„Los“, sagte Wolfram.
Magnus grinste. Kurz, kaum wahrnehmbar – aber da.
Es war Formalität. Das Kommando, das Grinsen, der ganze Austausch. Zwei Männer die seit Jahren dieselbe Uhr stellten ohne je darüber gesprochen zu haben.
„Signaturen?“ fragte Wolfram.
Ragnar arbeitete. Sein Blick bewegte sich über die Displays mit der Ruhe eines Mannes der Panik als Werkzeug für andere betrachtete. „Keine Übereinstimmung in den Datenbanken. Wie damals über Epsilon Eridani – aber das ist nicht dasselbe Gerät.“ Eine kurze Pause. „Die Antriebssignaturen sind sauberer. Neuere Technologie. Deutlich.“
Wolfram hörte es. Sagte nichts.
Dieselbe Leerstelle in den Datenbanken. Dieselbe Koordination. Aber besser ausgerüstet – als hätten sie aufgerüstet seit dem letzten Mal. Oder als hätten sie damals absichtlich weniger gezeigt.
Oder beides, dachte er.
„Ablenkung?“ fragte Valeska. Sie stand neben der taktischen Übersicht, die Arme verschränkt, den Blick auf die drei Vektoren gerichtet.
„Zwei der Gruppen sind zu klein für einen ernsthaften Angriff“, sagte Ragnar. „Der dritte Vektor—“ Er tippte auf die Übersicht. „Das ist der Stoß.“
Wolfram betrachtete die Formation. Klassisch. Fast zu klassisch.
„Sie wollen dass wir die kleinen Gruppen abfangen“, sagte er. „Götz – volle Konzentration auf den dritten Vektor. Die anderen ignorieren wir bis Magnus sie aufräumt.“
Valeska hob eine Hand. Minimal. Aber er kannte die Geste.
„Nein“, sagte sie.
Wolfram drehte den Kopf.
„Wenn wir die Ablenkung ignorieren“, sagte sie, „wissen sie dass wir sie durchschaut haben. Und dann kommt was auch immer als nächstes kommt.“ Sie betrachtete die Übersicht. „Das hier ist zu sauber. Zu lesbar. Jemand der diese Technologie hat und trotzdem so vorgeht – der will dass wir reagieren. Er will sehen wie wir reagieren.“
Stille. Wolfram betrachtete die drei Vektoren.
Sie hat recht, dachte er. Natürlich hat sie recht.
„Wir spielen mit“, sagte er schließlich. Er wandte sich zu Ragnar. „Götz bindet die Ablenkungsgruppen – aber mit halber Kraft. Ich will dass es aussieht als würden wir schlucken.“ Er machte eine kurze Pause. „Und dann bringen wir etwas ins Spiel das sie nicht auf ihrer Rechnung haben.“
Ragnar sah ihn an. „Was?“
Wolfram betrachtete die Übersicht noch einen Moment.
„Magnus“, sagte er. „Die zweite Staffel. Noch im Hangar. Die haben sie nicht gezählt.“
Der Kampf sah von der Brücke aus so aus.
Lichtbögen die das Schwarz zerschnitten. Formationen die sich auflösten und neu bildeten – zu schnell für Kommentare, zu präzise für Zufall. Wolfram beobachtete und schwieg. Das war seine Aufgabe in diesem Moment – nicht eingreifen, nicht korrigieren. Beobachten.
Götz band die Ablenkungsgruppen. Zwei Staffeln, halbierte Kraft, überzeugend genug. Die Angreifer bissen an – gaben Energie auf die sie nicht hätten abgeben sollen.
Dann kam der wahre Angriff.
Ein Schlachtschiff. Groß, schnell, ohne Zögern – es trat aus dem Hyperraum als hätte es gewartet bis die Wotansklinge beschäftigt war. Flankiert von schweren Zerstörern die sofort das Feuer eröffneten. Schilde flackerten. Ragnar meldete Treffer an Begleitschiffen.
Wolfram sah Valeska an. Einen Moment. Mehr nicht.
Sie sagte nichts. Das war Antwort genug.
„Jetzt“, sagte er.
Die Wotansklinge drehte sich aus ihrer Position – eine Bewegung die das Schlachtschiff nicht erwartet hatte, weil es geglaubt hatte sie stünden still. Die volle Breitseite traf die Flanken des Schlachtschiffes bevor es reagieren konnte. Zeitgleich brach Magnus mit der zweiten Staffel aus dem Hangar.
Die Zerstörer gerieten in die Defensive bevor sie verstanden was passiert war.
Wolfram betrachtete die Übersicht. Das Schlachtschiff taumelte. Einer der Zerstörer fiel aus der Formation. Dann ein zweiter.
Das dritte Schiff hielt stand länger als es sollte – und kassierte dafür mehr als es wollte. Triebwerke ausgefallen, Steuerung tot, Schilde kollabiert.
Es trieb.
„Manövrierunfähig“, meldete Ragnar. „Kein Antrieb, keine Reaktion.“
Wolfram betrachtete es auf der Übersicht. Ein beschädigtes Schiff. Eine Eliteeinheit die nicht fliehen konnte.
„Götz“, sagte er. „Erstürmungsteam vorbereiten.“
Götz brauchte keine Einweisung.
Das Erstürmungsteam stand im Hangar bereit bevor der Befehl die Schleuse erreicht hatte – Vierer-Teams, vollständige Ausrüstung, keine überflüssigen Worte. Wolfram beobachtete den Abgang von der Brücke aus. Götz bewegte sich wie immer in solchen Momenten – zweckgebunden, ohne Geste, ohne die Art von Entschlossenheit die sich selbst beim Gehen zuschaut.
Die Meldungen kamen in kurzen Abständen.
„Brücke gesichert. Widerstand gebrochen.“
Wolfram nickte. Es hatte also Widerstand gegeben. Das war ehrlicher.
„Datenbanken – wir haben Zugriff. Übertragung läuft.“
„Triebwerke gesichert. Keine Fallen.“
Valeska stand neben ihm. „Zu schnell.“
„Ja“, sagte er. „Für sie auch.“
Die Daten kamen schnell. Ragnar überflog sie, sein Gesicht veränderte sich nicht – aber seine Augen blieben an einer Stelle hängen länger als an den anderen. „Eliteeinheit. Keine öffentliche Registrierung. Verbindungen zu—“ Er zögerte. „Das passt zu dem was wir in der Helheim Drift gesehen haben.“
Wolfram hörte es. Ließ es stehen.
Dann Götz. Auf dem Kommunikationsgerät. Eine Nuance zu ruhig für gute Nachrichten.
„Wolfram. Du musst runterkommen.“
Er fragte nicht warum. Götz sagte solche Sätze nicht ohne Grund.
Die Gefangenen saßen an der Wand des Korridors – gefesselt, still, die meisten mit dem Blick auf den Boden. Keine Haltung mehr. Nur das was übrig bleibt wenn ein Plan nicht aufgeht und man genau weiß warum.
Wolfram ging langsam an ihnen entlang. Betrachtete die Gesichter. Männer die gut genug waren um hierher zu kommen – und nicht gut genug um wieder wegzukommen. Sie hatten auf eine Täuschung gesetzt die nicht funktioniert hatte. Das war in ihren Mienen geschrieben, in den Schultern, in der Art wie sie den Blick abwandten.
Dann blieb er stehen.
Ein Mann der nicht wegschaute. Der saß wie alle anderen – aber anders. Nicht gebrochen auf dieselbe Art. Eher – enttäuscht. Von sich selbst, vom Plan, von dem Moment in dem es schiefgelaufen war.
Wolfram kannte dieses Gesicht.
„Erik.“
Erik Dahl hob den Blick. Langsam. In seinen Augen lag keine Überraschung – nur der müde Rest von etwas das einmal Kalkül gewesen war.
„Es ist lange her“, sagte er.
Wolfram antwortete nicht sofort. Er betrachtete den Mann der einmal an seiner Seite gestanden hatte – in Räumen die es in keinem offiziellen Bericht gab, in Momenten die beide nie erwähnt hatten.
Und der eines Tages einfach nicht mehr da gewesen war.
„Ja“, sagte Wolfram schließlich. „Das ist es.“
