Wolfram blieb stehen.
Die anderen Gefangenen schienen zu schrumpfen unter seinem Blick – nicht vor Angst, sondern vor dem Gewicht des Moments den sie nicht kannten aber spürten. Nur Erik nicht. Er saß wie er immer gesessen hatte wenn etwas schiefgelaufen war – aufrecht, die Enttäuschung nach innen gerichtet, das Gesicht neutral.
Götz stand zwei Schritte hinter Wolfram. Er sagte nichts. Er musste nichts sagen.
„Du hast das geplant“, sagte Wolfram. Keine Anklage. Eine Feststellung.
Erik sah ihn an. „Ja.“
„Es hat nicht funktioniert.“
„Nein.“ Eine kurze Pause. „Das sehe ich.“
Wolfram betrachtete ihn. Die Jahre lagen zwischen ihnen wie ein Raum den keiner von beiden überbrückt hatte – nicht weil es unmöglich war, sondern weil beide gewusst hatten dass der Preis dafür zu hoch war.
„Steh auf“, sagte Wolfram.
Erik stand auf. Langsam, mit der Sorgfalt eines Mannes dessen Körper mehr mitgemacht hatte als er zugeben würde.
Götz trat vor. Wolfram hob eine Hand.
„Ich hab ihn“, sagte er.
Götz blieb stehen. Sein Blick wanderte von Wolfram zu Erik und zurück. „Das ist keine gute Idee.“
„Nein“, sagte Wolfram. „Wahrscheinlich nicht.“
„Wolfram—“
„Götz.“ Er drehte sich kurz um. „Wir reden später darüber. Offen.“ Eine Pause die keinen Widerspruch einlud. „Versprochen.“
Götz schwieg einen Moment. Dann trat er einen Schritt zurück. Nicht weil er überzeugt war – sondern weil er Wolfram kannte und wusste wann ein Schritt zurück mehr wert war als ein Schritt vor.
Er ließ es geschehen. Die Augen blieben auf Erik.
Sie gingen den Korridor entlang ohne Ziel. Das war Absicht – kein Verhörraum, kein Tisch, keine Struktur die dem Gespräch eine Form gab die keiner von beiden wollte. Nur das beschädigte Schiff um sie herum. Metall das nachgegeben hatte. Licht das flackerte wo die Systeme noch arbeiteten und Dunkel wo sie es nicht mehr taten.
Erik ging ohne Führung. Als kenne er den Weg.
Wolfram ließ es geschehen.
Sie blieben an einer Stelle stehen wo eine Druckwelle die Wand eingedrückt hatte – nicht gefährlich, nur verformt, eine Delle die zeigte wo der Einschlag gesessen hatte. Wolframs Einschlag. Wolframs Schiff.
Erik betrachtete die Delle. Sagte nichts.
„Du wusstest dass wir kommen“, sagte Wolfram.
„Ich habe es vermutet.“ Erik wandte den Blick nicht ab. „Es gab Hinweise.“
„Welche?“
Erik schwieg einen Moment. Dann: „Die Runen. Die Station. Karl Seidel.“ Er sprach die Namen ohne Betonung – als wären es Koordinaten, nicht Begriffe. „Wer das findet bewegt sich in eine bestimmte Richtung. Das ist keine Frage des Wollens.“
Wolfram hörte es. Ließ es stehen.
„Und du wolltest uns aufhalten.“
Erik drehte sich um. Zum ersten Mal direkter Blick. „Du stellst die falschen Fragen.“
Wolfram ließ es stehen. „Dann stell mir die richtigen.“
Erik betrachtete ihn. Lang. Als würde er abwägen wie viel ein Wort kostet.
„Ihr seid ein Schlüssel“, sagte er. Ohne Betonung. Als wäre es eine Tatsache die er schon lange mit sich trug.
Wolfram sah ihn an. „Wessen Schlüssel.“
Erik antwortete nicht. Das war auch eine Antwort.
Sie standen noch immer im Korridor. Das Licht flackerte. Niemand störte sie – Götz hatte dafür gesorgt ohne gefragt zu werden.
„Die Schatten“, sagte Wolfram. Keine Frage. Ein Test.
Erik bewegte sich nicht. „Was ist damit.“
„Du kennst sie.“
„Jeder der lange genug sucht kennt sie.“ Er lehnte sich gegen die verformte Wand. „Das ist keine Auszeichnung.“
Wolfram betrachtete ihn. „Wir haben sie geweckt. Das hast du gemeint.“
Erik schwieg einen Moment. Dann: „Ihr habt sie nicht geweckt.“ Eine Pause die zu lang war. „Sie waren nie schlafen.“
Stille.
„Und die Runen?“
„Die Runen sind älter als alles was ihr in euren Datenbanken habt.“ Er sprach ohne Emphase. Als würde er über Wetter sprechen. „Älter als die Station. Älter als den Monolithen. Älter als den Grund warum ihr überhaupt hier seid.“
Wolfram hörte es. Ließ es arbeiten.
„Wer zieht die Fäden“, sagte er schließlich.
Erik lachte. Kurz, tonlos. „Das ist wieder die falsche Frage.“ Er sah Wolfram direkt an. „Ihr tanzt. Wir tanzen. Die Frage ist nicht wer die Musik spielt – die Frage ist warum ihr noch nicht aufgehört habt zu tanzen.“
Wolfram sagte nichts.
Erik ließ den Blick fallen. „Je weiter ihr geht desto schlimmer wird es. Das weißt du bereits. Du hast es auf der Brücke gespürt. Als Karl gesprochen hat.“
Wolfram stand still.
Er weiß von Karl, dachte er. Er weiß was auf der Brücke passiert ist.
„Woher—“
„Ich weiß genug“, sagte Erik. Ruhig. Endgültig. „Und es reicht nicht.“
Wolfram schwieg.
Das war der Moment. Ein Zug an etwas das er nicht benennen wollte. Das Imperium. Die Archive. Jahrzehnte von Forschung, von Mythos, von Geschichte die sie besser kannten als irgendjemand sonst. Das war keine Einbildung – das war Arbeit. Generationen davon.
Und trotzdem, dachte er. Warum jetzt? Warum hier?
Nicht: wir waren naiv. Das wäre zu einfach, zu billig. Seine Leute waren nicht blind. Ragnar, Valeska, Siegfried – sie kannten die Quellen, sie kannten die Zusammenhänge. Und doch stand Karl auf der Brücke und sprach mit einer Stimme die keine war, und die Luft hatte sich verändert auf eine Art für die es keine Kategorie gab.
Warum weiß er mehr, dachte Wolfram. Warum weiß irgendjemand mehr.
„Das reicht“, sagte er. Zu scharf. Er hörte es selbst.
Erik hörte es auch. Er sagte nichts dazu. Das war schlimmer als eine Antwort.
Wolfram wandte sich ab.
Nicht weil das Gespräch vorbei war – sondern weil er wusste dass es nicht weiterging. Nicht hier. Nicht jetzt. Erik hatte gegeben was er geben wollte, und was er nicht gegeben hatte war genauso laut wie das was er gesagt hatte.
Er trat zwei Schritte in Richtung Korridor. Blieb stehen.
„Du kommst mit uns.“
Erik antwortete nicht sofort. „Ich weiß.“
„Und du wirst reden.“
„Irgendwann redet jeder“, sagte Erik. Ohne Ironie. Ohne Drohung. Als wäre es eine Beobachtung über das Leben im Allgemeinen.
Wolfram drehte sich nicht um. „Götz.“
Götz war bereits da. Er hatte gewartet – nicht vor der Tür, nicht mit dem Ohr an der Wand. Einfach nah genug um in einer Sekunde da zu sein. Er sah Wolfram an, dann Erik, dann wieder Wolfram.
„Rücktransport“, sagte Wolfram. „Krankenstation zuerst, dann Zelle. Niemand spricht mit ihm bevor ich es tue.“
Götz nickte. Er legte eine Hand an Eriks Arm – nicht grob, aber ohne Spielraum.
Erik ließ es geschehen. Sein Blick blieb einen Moment auf Wolfram.
„Wolfram.“
Er blieb stehen.
„Die Frage die du dir stellen solltest“, sagte Erik, „ist nicht was die Schatten wollen.“ Eine Pause. „Es ist warum sie auf euch gewartet haben.“
Wolfram antwortete nicht.
Er ging.
