Götz fand ihn im hinteren Korridor.
Nicht auf der Brücke, nicht im Besprechungsraum – im hinteren Korridor wo die Wände noch die Spuren des Gefechts trugen und niemand ohne Grund hinkam. Wolfram stand dort als hätte er gewusst dass Götz kommen würde. Vielleicht hatte er es gewusst.
„Du hast mir etwas versprochen“, sagte Götz.
„Ja.“
Götz lehnte sich gegen die Wand. Verschränkte die Arme. Das war bei ihm kein defensives Zeichen – es war die Haltung eines Mannes der reden wollte und Zeit hatte.
„Erik Dahl“, sagte er. „Allein. Unbewacht. Auf einem feindlichen Schiff.“
„Ich weiß.“
„Das war keine taktische Entscheidung.“
Wolfram sah ihn an. „Nein. Das war es nicht.“
Götz schwieg einen Moment. Das war das Gewicht des Gesprächs – nicht Vorwurf, nicht Unverständnis. Nur die Frage die dahinter stand und die beide kannten.
„Er hätte dich töten können“, sagte Götz schließlich. „Oder schlimmer.“
„Ja.“
„Und trotzdem.“
„Und trotzdem.“ Wolfram lehnte sich gegen die gegenüberliegende Wand. „Er war einmal einer von uns, Götz. Das verschwindet nicht weil er die Seite gewechselt hat. Es verändert sich – aber es verschwindet nicht.“
Götz betrachtete ihn. Lang.
„Das“, sagte er, „ist genau was mich beunruhigt.“
Wolfram antwortete nicht sofort. Er hörte es. Verstand es. Götz hatte nicht unrecht – und das war das Problem.
„Ich weiß“, sagte er schließlich. „Komm. Ich will alle zusammen.“
Sie versammelten sich ohne förmliche Einladung – Valeska, Ragnar, Stark. Der taktische Tisch war nicht aktiviert. Keine Übersicht, keine Displays, keine Struktur die dem Gespräch eine Richtung vorgab. Nur der Raum und die Menschen darin.
Wolfram stand. Alle anderen auch. Das war kein bewusster Entschluss – es war einfach so.
„Wo stehen wir“, sagte er.
Ragnar begann. So wie immer – sachlich, ohne Umwege. „Erik Dahl in der Zelle. Karl Seidel auf der Krankenstation, Zustand stabil. Schilde bei achtzig Prozent. Antriebe vollständig. Wir können springen.“
„Arvid“, sagte Valeska.
„Arvid“, bestätigte Wolfram. „Immer noch kein Signal?“
„Nichts.“ Ragnars Stimme. „Der Sektor ist groß. Ohne neue Koordinaten ist es eine blinde Suche.“
Stille.
Stark zog an seiner Zigarre. Immer noch nicht brennend. „Der Hinterhalt war kein Zufall. Sie wussten wo wir sind. Das bedeutet entweder dass wir ein Leck haben—“
„Oder dass wir verfolgbar sind“, sagte Valeska. Ruhig. Präzise. „Der Monolith. Karl. Irgendetwas an uns zieht sie an.“
Niemand widersprach. Das war das Unbehagen das sich seit Epsilon Eridani aufgebaut hatte und für das noch niemand einen Namen gefunden hatte.
„Eriks letzter Satz“, sagte Wolfram. Er sprach ihn nicht aus – er musste es nicht. Alle hatten ihn gehört über Umwege, auf die Art wie sich solche Dinge auf einem Schiff verbreiten ohne dass jemand redet.
Warum sie auf euch gewartet haben.
Ragnar räusperte sich. „Was bedeutet das konkret?“
„Das“, sagte Wolfram, „weiß ich noch nicht.“
Die Tür öffnete sich.
Wolfram sah auf. Siegfried trat ein – nicht zögernd, nicht mit der Entschuldigung im Gesicht die manche hatten wenn sie einen Raum betraten der ohne sie begonnen hatte. Er trat ein weil er dazugehörte. Das war der Unterschied.
„Ich habe etwas“, sagte er.
Valeska sah ihn an. Ragnar auch. Stark nicht – er betrachtete seine Zigarre.
Siegfried trat zum Tisch. Legte nichts ab, aktivierte nichts. Er sprach einfach.
„Karl hat vor der Botschaft etwas gesagt das ich nicht einordnen konnte. Bis jetzt.“ Er machte eine kurze Pause – nicht aus Unsicherheit, sondern weil er die Worte wog bevor er sie verwendete. Das hatte er von seinem Vater. „Er hat gesagt: es gibt kein Wann. Nur das Gewicht davon.“
Ragnar bewegte sich einen halben Zentimeter. Stark hörte auf seine Zigarre zu drehen. Valeska stand sehr still.
Keiner von ihnen wusste warum.
Kein Druck wie auf der Brücke – kein Atem der stockte, keine Hand die eine Konsole suchte. Nur ein Nachklang in ihren Körpern. Als würde ein Ton den niemand gehört hatte langsam in ihnen verklingen. Als hätte der Raum kurz die Meinung geändert und es sich dann anders überlegt.
Siegfried sprach weiter. Unbeeindruckt. Als wäre nichts gewesen.
„Ich habe die Runen mit diesem Ansatz analysiert. Nicht als Sprache. Als Zustand.“ Er sah Wolfram an. „Sie beschreiben keinen Text. Sie beschreiben eine Schwelle.“
Stille.
„Eine Schwelle zu was“, sagte Ragnar. Seine Stimme war einen Ton zu ruhig.
„Das weiß ich noch nicht.“ Siegfried hielt dem Blick stand. „Aber ich weiß dass Karl der einzige ist der auf der anderen Seite davon war. Und zurückgekommen ist.“
Niemand sprach.
Wolfram sah seinen Sohn an. Die Konzentration in seinem Gesicht. Die Art wie er im Raum stand – sicher ohne es zu demonstrieren. Er sagte nichts.
Das war mehr als genug.
Wolfram ließ einen Moment stehen.
Nicht für sich – für den Raum. Für die Menschen darin die gerade alle dieselbe Erfahrung gemacht hatten ohne sie benennen zu können. Das war neu. Nicht Karl auf der Brücke, nicht die Anomalien, nicht Eriks Worte im Korridor. Das hier war anders – es war in ihnen gewesen. Kurz. Unhörbar. Aber da.
Er richtete sich auf.
„Arvid“, sagte er.
Kein Übergang, keine Einleitung. Der Name allein war genug.
„Wir haben keinen neuen Kurs“, sagte Ragnar. „Der Sektor ist—“
„Groß. Ich weiß.“ Wolfram betrachtete den deaktivierten taktischen Tisch. „Siegfried – du arbeitest weiter an den Runen. Karl ist die einzige lebende Verbindung zu dem was wir nicht verstehen. Ich will dass du mit ihm sprichst wenn er stabil genug ist.“ Er machte eine kurze Pause. „Niemand sonst.“
Siegfried nickte. Einmal. Ohne Kommentar.
„Ragnar – alles was wir von Eriks Schiff haben. Jedes Datenfragment, jede Signatur, jede Koordinate. Ich will wissen ob Arvids Sektor irgendwo darin auftaucht.“
„Verstanden.“
Wolfram sah in die Runde. Götz. Valeska. Stark. Ragnar. Siegfried.
Das hier, dachte er. Das ist alles was ich habe. Und es reicht.
„Kurs auf Arvid“, sagte er. „Wir haben genug Zeit verloren.“
Er wandte sich ab. Die Runde löste sich ohne ein weiteres Wort – jeder wusste was zu tun war.
Nur Valeska blieb einen Moment.
„Wolfram.“
Er blieb stehen.
„Siegfried hat recht“, sagte sie leise. „Karl ist zurückgekommen.“ Eine Pause. „Aber wir wissen noch nicht was mit ihm zurückgekommen ist.“
Er antwortete nicht sofort. Ließ es stehen.
„Nein“, sagte er schließlich. „Das wissen wir nicht.“
Er ging.
