Der letzte Zeuge

Er blieb einen Moment vor der Tür stehen.

Nicht lang. Nur kurz genug um zu wissen dass er es tat – und warum. Das Gespräch mit Karl war kein Verhör. Verhöre hatte er geführt. Er wusste wie sie anfingen, wie sie endeten, wo man Druck setzte und wo man Raum ließ. Das hier war etwas anderes. Das hier war ein Gespräch mit jemandem der halb woanders war – und Wolfram wusste nicht wohin die andere Hälfte gehörte.

Er trat ein.


Die Krankenstation war leise. Nicht die Stille eines leeren Raumes – die Geräte arbeiteten, die Monitore zeigten was sie zeigen sollten, irgendwo summte ein Kühlsystem in einem Rhythmus der älter wirkte als das Schiff. Karl saß aufrecht auf der Liege. Das war neu. Beim letzten Mal hatte er gelegen – eingefallen, als wäre die Schwerkraft nur auf ihn zugetroffen.

Jetzt saß er. Die Hände im Schoß. Die Augen offen.

Er sah Wolfram an als er eintrat. Kein Erschrecken, kein Begrüßen. Nur das Registrieren – die Art wie ein Mensch eine Tür hört und den Kopf dreht ohne dass der Körper sich entschieden hat was er damit anfangen soll.

Wolfram zog einen Stuhl heran. Setzte sich. Kein Tisch zwischen ihnen. Keine Konsole. Nur der Abstand den man braucht um ein Gesicht zu lesen.

„Wie geht es Ihnen?“

Karl überlegte. Nicht als würde er die Antwort suchen – als würde er prüfen ob die Frage für ihn zutraf.

„Besser“, sagte er schließlich. Seine Stimme war weniger rau als beim letzten Mal. „Die Hände zittern weniger.“

Er hob eine Hand. Betrachtete sie. Tatsächlich – kaum noch. Wolfram notierte es.

„Gut.“

Eine kurze Stille. Die vertraute Art – nicht unangenehm, nur unausgefüllt.


„Ich will wissen was in der Drift passiert ist“, sagte Wolfram. „Nicht für einen Bericht. Nicht für die Archive.“ Er betrachtete Karl. „Ich will verstehen was Sie erlebt haben.“

Karl senkte die Hand wieder in den Schoß. Sein Blick wanderte einen Moment weg – nicht weit, nur einen halben Meter nach links, zu einem Punkt an der Wand der nichts bedeutete außer dass er ihn brauchte.

„Es ist schwer“, sagte er, „in die richtige Reihenfolge zu bringen.“ Eine Pause. „Nicht weil ich es vergessen habe. Weil es keine hatte.“

Wolfram wartete.

„Die Station war leer als wir ankamen.“ Karl sprach langsam. Nicht bedächtig – eher als würde er Worte aus etwas herausziehen das sie nicht gerne herausgab. „Wir haben die Runen gefunden. Überall. Und dann—“ Er hielt inne. Sein Blick kehrte zu Wolfram zurück. „Dann war die Zeit anders.“

„Anders wie?“

Karl öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

„Es gab Momente“, sagte er schließlich, „die schon gewesen waren. Und Momente die noch nicht gewesen waren. Und ich konnte nicht—“ Er hob die Hände ein Stück, ließ sie wieder fallen. „Ich konnte nicht sagen welche welche war.“

Wolfram ließ das stehen. Er schob nichts nach, stellte keine Folgefrage. Manchmal war Schweigen das einzige Werkzeug das nicht störte.

Nach einem Moment sprach Karl weiter.

„Die anderen.“ Er sagte es ohne Betonung. „Sie waren noch da. Dann nicht mehr.“ Eine Pause die zu lang war. „Nicht weg. Nur – nicht mehr da wo ich war.“

„Haben Sie sie gesehen?“

„Nicht danach.“ Karl betrachtete seine Hände. „Ich habe ihre Stimmen gehört. Manchmal. Aber die Stimmen passten nicht zu der Zeit in der ich war.“

Wolfram verstand es nicht vollständig. Er wusste dass er es nicht vollständig verstehen würde – nicht heute, vielleicht nicht je. Aber er hörte die Form davon. Die Kontur.

Arvid sitzt irgendwo in derselben Dunkelheit, dachte er.


„Das Signal“, sagte er. „Das uns zur Drift geführt hat. Wissen Sie wer es gesendet hat?“

Karl sah ihn an. Lang.

„Nein.“ Eine kurze Pause. Sein Blick ging weg, kam zurück. „Aber es war alt.“

„Alt.“

„Älter als—“ Er hielt inne. Suchte das Wort. Fand es nicht. „Als ob es schon lange gewartet hätte. Bevor jemand kam der es hören konnte.“

Wolfram ließ das stehen. Das war keine Antwort. Aber es stellte eine Frage die er noch nicht gestellt hatte.

Ein Signal das wartete. Nicht auf die Wotansklinge – auf irgendjemanden der zuhören konnte. Und sie waren gekommen.

Karl schloss einen Moment die Augen. Öffnete sie wieder. Das Zittern in seinen Händen war zurück – minimal, kaum sichtbar, aber da.

„Entschuldigung“, sagte er. Ruhig. Nicht beschämt.

„Nichts zu entschuldigen.“

Wolfram stand auf. Schob den Stuhl zurück. Er hatte mehr erhalten als er erwartet hatte – und weniger als er gebraucht hätte. Das war die Gleichung mit Karl. Das würde noch eine Weile die Gleichung bleiben.

„Ich komme wieder.“

Karl nickte. Minimal. Sein Blick lag schon wieder woanders.


Der Korridor kam ihm lauter vor als er war.

Wolfram ging langsam. Keine Eile – er hatte keine Brückenentscheidung die auf ihn wartete, kein Gespräch das er führen musste. Nur den Weg und das was Karl gesagt hatte.

Älter als. Als ob es schon lange gewartet hätte.

Er dachte an die Runen an den Wänden der Station. An die Runen auf dem Monolithen im Laderaum. An Siegfrieds Satz – sie beschreiben eine Schwelle, keine Sprache. An Eriks letzten Satz.

Warum sie auf euch gewartet haben.

Zwei Fragmente. Keine Verbindung die er benennen konnte. Nur das Gefühl dass sie dieselbe Form hatten – wie zwei Teile desselben Werkzeugs die jemand absichtlich getrennt aufbewahrt hatte.

Ein Signal das auf Zuhörer wartete. Eine Fraktion die auf die Wotansklinge wartete. Eine Schwelle die auf jemanden wartete der sie übertreten konnte.

Alles wartet, dachte er.

Er wusste nicht worauf. Aber er hatte das Gefühl dass das, worauf alles wartete, langsam aufhörte zu warten.

Er ging weiter.

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Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.