Verlorene Verbündete

Sie waren seit vier Stunden im Nebel.

Koppelnavigation. Keine Referenzpunkte, kein fester Horizont – nur die errechnete Position die mit jeder Stunde ungenauer wurde und die Ragnar trotzdem auf der Übersicht anzeigte, weil eine ungenaue Position immer noch besser war als keine. Der Ymir-Nebel fraß Signale so wie er alles fraß – gleichmäßig, ohne Unterschied, ohne Rücksicht darauf was man brauchte und was nicht.

Wolfram stand in der Mitte der Brücke und wartete. Das war die schwerste Disziplin die er kannte – nicht handeln wenn kein Handeln möglich war. Einfach da sein. Präsenz zeigen. Warten.

Die Crew arbeitete. Ruhig, aber mit der angespannten Ruhe von Menschen die wissen dass die Umgebung um sie herum nicht neutral ist.

Draußen bewegte sich das Gas in Schlieren die keine Form hatten. Natürlich. Sie waren Gas.

„Signal?“ fragte er. Zum dritten Mal in der letzten Stunde.

„Rauschen“, sagte Sigrid.

Er nickte und schwieg wieder.


Es war zwanzig Minuten später als Sigrid aufhörte nach dem Signal zu suchen.

Wolfram bemerkte es nicht sofort. Er sah nur dass ihre Hände anders arbeiteten – langsamer, gezielter, nicht mehr das breite Abtasten aller Frequenzen sondern etwas das kleiner war. Präziser. Als würde sie nicht mehr hören wollen sondern lesen.

Ragnar sah es auch. Er sagte nichts.

Sigrid arbeitete. Drei Minuten. Fünf. Ihre Augen gingen nicht von der Konsole weg. Eine Hand justierte, die andere hielt – die Geste eines Menschen der etwas sehr Kleines sehr festhalten muss.

Dann:

„Das Rauschen stimmt nicht.“

Wolfram drehte den Kopf. „Was?“

„Hier.“ Sie tippte auf einen Bereich ihrer Konsole ohne aufzusehen. „Das Interferenzfeld hat eine Senke. Minimal – aber sie ist da. Natürliche Gasdichte würde das nicht erklären.“ Eine kurze Pause. „Eine sterbende Bake sendet nicht mehr stark genug um empfangen zu werden. Aber sie drückt einen Schatten ins Rauschen. Wenn man aufhört nach dem Signal zu suchen und anfängt das Rauschen zu lesen—“

Sie hörte auf zu erklären. Nicht weil sie fertig war – weil der Rest offensichtlich war, für sie zumindest.

Ragnar sah Wolfram an. Wolfram sah Sigrid an.

„Richtung?“ fragte er.

„Zwei-sieben-null, relativ. Entfernung unklar.“ Sie zögerte einen halben Moment. „Es könnte auch natürlich sein. Partikelkonzentration, lokale Feldverzerrung.“ Sie sah kurz auf. Direkt. „Ich glaube es nicht.“

Wolfram betrachtete sie einen Moment.

„Langsam voraus“, sagte er. „Zwei-sieben-null.“


Vierzig Minuten später tauchte die Stormraven aus dem Gas.

Keine Positionslichter. Kein Antrieb. Kein Lebenszeichen nach außen – nur der dunkle Rumpf der aus dem blau schimmernden Nebel schob wie etwas das dort hingestellt und vergessen worden war. Einschläge hatten das Metall aufgerissen. Die offenen Stellen schimmerten kalt im diffusen Licht.

Niemand auf der Brücke sagte etwas.

Dann Sigrid, ruhig, ohne Aufheben:

„Da.“

Wolfram nickte. Einmal. Das war alles was nötig war – und alle auf der Brücke wussten warum.

„Lebenszeichen?“ fragte Ragnar.

„Schwach. Unklar wo genau.“ Sigrid arbeitete weiter. „Aber ja – da ist etwas.“

Wolfram wandte sich um. Ragnar stand bereits bereit – er hatte in dem Moment in dem die Stormraven auf dem Bildschirm erschienen war angefangen die Ausrüstung zu koordinieren. Daten analysieren, Schlüsse ziehen, handeln. In dieser Reihenfolge, ohne Lücke zwischen den Schritten.

„Fünf Mann“, sagte Wolfram. „Shuttle bleibt andockbereit.“

Ragnar nickte. „Verstanden.“


Das Shuttle dockte an der hinteren Luftschleuse an. Sauberer Andock. Die Schleuse der Stormraven öffnete sich auf Anforderung – die Notfallsysteme liefen noch, irgendwo tief im Schiff schlug noch ein Herz.

Ragnar betrat als Erster.

Der Korridor war dunkel. Nicht das Dunkel eines abgeschalteten Schiffes – Notbeleuchtung arbeitete, ein rötlicher Schimmer der die Wände in gleichmäßigen Abständen markierte. Genug um zu sehen. Nicht genug um sich sicher zu fühlen.

Geruch von verbranntem Metall. Darunter etwas das keiner der fünf Männer benannte, obwohl alle es registrierten.

Einschusslöcher in den Wänden. Verbrannte Konsolenstationen. Eine Tür halb aus der Verankerung gerissen, schief im Rahmen, die Kanten nach innen gefaltet als hätte etwas von der anderen Seite dagegen gedrückt. Spuren eines Gefechts überall – aber keine Leichen.

Das war das Erste was Ragnar über den Kanal meldete. Sachlich. Ohne Kommentar.

Wolfram hörte es auf der Brücke. Schwieg.


Das Team bewegte sich vorwärts. Handlampen schnitten Kegel in die Dunkelheit vor ihnen, und die Dunkelheit schloss sich dahinter. Die Korridore der Stormraven waren breiter als auf der Wotansklinge. Hier hallten Schritte. Hier klang alles nach mehr als es war.

Beim zweiten Quergang blieb der hintere Soldat stehen.

Keine Ansage. Kein Befehl. Er blieb einfach stehen und richtete die Lampe nach links, in die Ecke wo der Korridor auf die Außenwand traf.

Ragnar bemerkte es und hielt an. Die anderen auch.

Wolfram sah es auf dem Feed. Ecke. Rotes Notlicht. Metall. Eine Versorgungsleitung an der Wand. Er registrierte was da war – und dann registrierte er das Gefühl dass da etwas war das er nicht benennen konnte. Nicht im Bild. In der Art wie das Bild sich anfühlte. Als wären die Proportionen minimal verschoben. Als wäre die Ecke einen Fingerbreit tiefer als sie sein sollte, als hätte der Raum darin mehr Platz als von außen möglich war.

Ragnar betrachtete die Ecke. Drei Sekunden. Vier.

Dann wandte er sich ab. „Weiter.“

Der hintere Soldat zögerte einen Herzschlag zu lang. Dann folgte er.

Beim dritten Quergang war es wieder da. Wolfram sah es auf zwei Feeds gleichzeitig. Nicht dasselbe wie vorher. Aber dieselbe Art von Nicht-Dasselben.

Er sagte nichts. Er zählte.


Beim vierten Quergang feuerte der vordere Soldat.

Kein Befehl, keine Warnung – der Schuss kam aus dem Körper heraus, die Art die ein trainierter Mann abgibt wenn sein Verstand die Situation noch nicht eingeholt hat aber seine Hände schon entschieden haben. Dann zwei weitere. Automatisch. Der Knall füllte den Korridor und hallte länger als er sollte.

Dann Stille.

Wolfram betrachtete den Feed. Die Stelle an der Wand gegen die gefeuert worden war. Metall. Notlicht. Nichts weiter. Die Einschläge waren dort – kleine Krater im Material, sauber, präzise. Sonst nichts.

Die Stelle in dem Bild die sich falsch angefühlt hatte war noch da. Unverändert.

Ragnar sah den Soldaten an. Ein langer Blick, keine Verurteilung darin, nur das sachliche Inventarisieren eines Mannes der wissen musste was sein Team gerade getan hatte und warum. Dann wandte er sich zur Tür.

„Weiter.“

Niemand fragte worauf geschossen worden war. Niemand fragte warum es nichts bewirkt hatte. Die zweite Frage war schlimmer als die erste und alle wussten es.


Sie hörten es bevor sie es sahen.

Ein Klopfen. Unregelmäßig, gedämpft – aber die Stormraven war kein großes Schiff und Ragnars Team stand still und lauschte bis die Richtung klar war.

Wartungsgang, Unterdeck. Eine Luke.

Ragnar zog sie auf.

Dahinter war ein Spalt zwischen zwei Außenwänden – als Kriechgang für Reparaturen angelegt, zwei Meter hoch und drei breit. In diesem Spalt saßen sieben Menschen. Ausgezehrt, die Uniformen zerrissen, die Gesichter im roten Notlicht blass wie Papier.

Und in ihrer Mitte, mit dem Rücken gegen die Wand und den Blick auf die Tür gerichtet die er nicht hatte öffnen können: Arvid Halvarsson.

Wolfram erkannte ihn auf dem Feed. Es dauerte einen Moment länger als es hätte dauern sollen.

Arvid hob den Kopf. Seine Augen gingen zu Ragnars Helmkamera. Er wusste was das war. Er wusste wer dahinter zuhörte.

„Wolfram“, sagte er. Seine Stimme war rau, trocken, kaum mehr als Flüstern. Keine Überraschung darin. Kein Erleichterungsausbruch. Nur die Feststellung eines Mannes der gewusst hatte dass jemand kommen würde und jetzt überprüfte ob er recht gehabt hatte.

Wolfram lehnte sich auf der Brücke leicht vor. „Arvid.“

Arvid schloss kurz die Augen. Öffnete sie wieder. „Ihr müsst weg.“

Ragnar kniete sich neben ihn. Überprüfte seinen Zustand – Augen, Atmung, Reaktion. Dann ein kurzes Nicken an die anderen Soldaten.

„Was hat euch hier dringehalten?“ fragte er.

Arvid sah ihn an. Dann zur Tür. Zurück zu Ragnar.

„Hier haben sie nicht reingeschaut“, sagte er.

Ragnar fragte nicht wer sie waren. Das war nicht der Moment für diese Frage.


Der Rückzug verlief schnell. Ragnar organisierte, die Überlebenden bewegten sich – langsam, auf wackeligen Beinen, aber sie bewegten sich. Der Korridor zurück zum Shuttle war derselbe wie auf dem Hinweg. Dieselben Einschusslöcher. Dieselbe schiefe Tür. Dieselbe Notbeleuchtung.

Nicht ganz dieselbe Dunkelheit.

Die Stellen in den Bildern die sich falsch angefühlt hatten – sie waren noch da. Dieselben Ecken, dieselbe minimale Verzerrung der Proportionen. Wolfram zählte auf den Feeds. Sieben. Oder acht. Das Zählen ergab nichts das er verwenden konnte.

Die Stellen ließen sie gehen. Das war die Pointe. Kein Blockieren, kein Eingreifen – sie waren einfach da während die Menschen an ihnen vorbeigingen. Als hätte es keine Meinung dazu.

Das Shuttle löste sich von der Stormraven mit einem leisen Klicken der Schleuse.


Wolfram stand am Fenster der Brücke und sah in den Nebel. Die Stormraven war wieder ein dunkler Schatten im Gas – bewegungslos, ohne Lichter, ohne Antwort.

Die Überlebenden waren an Bord. Arvid war an Bord.

Und was immer in den Korridoren zwischen den Wänden gewesen war – das war nicht mitgekommen. Oder es hatte entschieden dass es nicht mitkommen musste.

Er wusste nicht welche der beiden Möglichkeiten schlimmer war.

Hier haben sie nicht reingeschaut, hatte Arvid gesagt.

Wolfram betrachtete den Nebel. Das Gas bewegte sich langsam. Die dunklen Schlieren darin hatten keine Form.

Er wandte sich ab und verließ die Brücke.

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Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.