Wolfram trat in die Krankenstation und sprach Norwegisch.
Nicht viel – ein Satz, vielleicht zwei. Er schrieb es nicht hin und er übersetzte es nicht. Aber Arvid hob den Kopf, und zum ersten Mal seit Ragnar die Luke aufgezogen hatte erschien etwas in seinem Gesicht das keine Erschöpfung und keine Vorsicht war. Ein kurzes, müdes Lächeln. Das Echo von jemandem der sich erinnert wer er ist.
Wolfram zog einen Stuhl heran und setzte sich.
Arvid saß aufrecht – natürlich. Er hatte auf einer Liege gelegen als sie ihn reingebracht hatten und war nach zwanzig Minuten aufgestanden. Die Ärztin hatte protestiert. Arvid hatte ihr einen Blick zugeworfen der höflich war und absolut. Er saß jetzt mit dem Rücken gegen die Wand und den Beinen über der Bettkante und sah aus wie jemand der Schmerzen hatte und das als Privatangelegenheit betrachtete.
„Du siehst schlecht aus“, sagte Wolfram.
„Du auch“, sagte Arvid.
Eine kurze Stille. Die angenehme Art.
„Wie lange wart ihr da drin?“
Arvid dachte nach. Nicht als würde er die Antwort suchen – als würde er prüfen ob die Zeitrechnung in dem Spalt zwischen den Wänden mit der außerhalb übereinstimmte. „Acht Tage. Vielleicht neun.“ Eine Pause. „Die letzten waren schwer zu zählen.“
Wolfram nickte. Er fragte nicht warum. Er konnte es sich denken.
„Die anderen?“
„Sieben von einunddreißig.“ Arvid sagte es ohne Betonung. Die Nüchternheit eines Mannes der die Zahl schon so oft im Kopf gehabt hatte dass sie keine Kanten mehr hatte. „Der Rest—“ Er hielt inne. Betrachtete seine Hände. „Ein Teil ist im Gefecht geblieben. Die anderen…“
Der Satz endete nicht. Wolfram wartete.
„Was ist mit ihnen passiert?“ fragte er.
Arvid lehnte den Kopf gegen die Wand. Schloss einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete war sein Blick auf einen Punkt gerichtet der nicht in der Krankenstation lag.
„Es begann nach dem ersten Angriff“, sagte er. „Als die Schatten kamen. Die meisten haben nichts gesehen – nur gespürt. Kälte. Das Gefühl dass jemand zuschaut.“ Er machte eine kurze Pause. „Aber manche sind zurückgekommen.“
„Zurückgekommen woher?“
„Von dort.“ Er bewegte eine Hand vage in eine Richtung die keine war. „Wir haben Leute verloren in den ersten Nächten – keine Einschläge, keine Kämpfe. Einfach weg. Und dann, Stunden später, manchmal einen Tag – standen sie wieder da. Im Korridor. In ihren Quartieren.“ Er hielt inne. „Zunächst schien alles normal. Sie haben geredet. Gegessen. Die richtigen Antworten gegeben.“
Wolfram wartete.
„Aber dann haben sie begonnen anderen zu sagen was sie tun sollten.“ Er formulierte es langsam, als würde er es zum ersten Mal laut aussprechen und hören wie es klang. „Nicht befehlen. Nicht drohen. Nur… nahelegen. Mit einer Ruhe die nicht ihre eigene war. Und die anderen haben gehört. Ich weiß nicht warum – ich habe es selbst gespürt. Den Zug.“ Er sah Wolfram an. „Wir haben sie eingesperrt als ich es verstanden hatte. Zwei von ihnen haben gebeten…“ Er stockte. „Sie haben gebeten nicht freigelassen zu werden.“
Die Krankenstation war sehr still.
„Was ist mit ihnen passiert?“ fragte Wolfram.
Arvid antwortete nicht sofort. „Die Stormraven hat eigene Antworten auf solche Fragen“, sagte er schließlich. Sein Ton war flach. Endgültig. Er erwartete keine Nachfrage – und Wolfram stellte keine.
Wolfram stand nach einer Weile auf. Arvid beobachtete ihn.
„Was planst du?“ fragte Arvid.
„Noch nicht sicher.“
Arvid nickte langsam. Das war ehrlich genug für ihn.
„Wolfram.“ Er wartete bis der andere sich umdrehte. „Was auch immer kommt – ich bin dabei.“ Keine Begeisterung, kein Pathos. Die schlichte Aussage eines Mannes der eine Entscheidung getroffen hatte bevor er gefragt worden war. „Die Stormraven ist verloren. Meine Crew ist tot oder—“ Er machte eine kurze Pause. „Ich habe nichts anderes mehr.“
Wolfram sah ihn an. Lang.
„Gut“, sagte er.
Das war alles was nötig war.
Wolfram fand Valeska auf der Brücke.
Sie stand an der taktischen Übersicht – nicht arbeitend, nur stehend, den Blick auf die Daten die den Ymir-Nebel um sie herum beschrieben. Ragnar war am anderen Ende der Brücke. Sigrid an ihrer Konsole. Das normale Bild.
„Kurz“, sagte Wolfram.
Sie folgte ihm in den Nebenraum. Kein Schließen der Tür – nur der Winkel der sie aus dem direkten Blickfeld der Brücke nahm.
Er erzählte ihr was Arvid gesagt hatte. Nicht alles – das Wesentliche. Die Veränderten. Was sie getan hatten. Was mit ihnen passiert war.
Valeska hörte zu ohne ihn zu unterbrechen. Ihr Gesicht veränderte sich nicht – das war bei ihr nie der erste Ort wo etwas ankam. Es kam intern an, wurde verarbeitet, und trat erst dann nach außen wenn sie entschieden hatte was sie damit machte.
„Karl“, sagte sie schließlich.
Nicht als Frage. Als Benennung von dem was zwischen ihnen im Raum stand.
„Ja“, sagte Wolfram.
„Er war in der Drift.“ Sie sah ihn direkt an. „Die Schatten haben ihn berührt – du weißt das. Ich weiß das. Und jetzt wissen wir was das bedeuten kann.“
„Wir wissen was es bei Arvids Crew bedeutet hat“, sagte Wolfram. „Karl ist nicht Arvids Crew.“
„Nein.“ Ihr Ton war ruhig. Nicht scharf – ruhig, was manchmal schwerer zu tragen war. „Er ist unser einziger Überlebender der Drift. Das macht ihn nicht sicherer. Das macht ihn wertvoller. Das ist nicht dasselbe.“
Wolfram schwieg.
„Arvid kommt in eine Zelle“, sagte Valeska. „Vorläufig. Bis wir wissen was mit ihm zurückgekommen ist.“
Wolfram sah sie an. „Nein.“
Valeska hielt den Blick. „Er war acht Tage dort drin. Mit Schatten in den Wänden. Mit Leuten die verändert zurückkamen und andere zu lenken begannen.“ Eine kurze Pause. „Wir kennen ihn. Das ist kein Argument.“
„Er ist Arvid Halvarsson.“
„Das war er“, sagte sie. „Wir wissen nicht was er jetzt ist.“
Der Satz saß. Wolfram ließ ihn sitzen ohne ihn zu entkräften – weil er ihn nicht entkräften konnte, und das wussten beide.
„Er kommt nicht in eine Zelle“, sagte er schließlich. Ruhig, endgültig. „Er bekommt Quartier. Er bleibt unter Beobachtung. Aber er ist ein freier Mann auf diesem Schiff.“
Valeska schwieg einen Moment. Dann:
„Wenn ich recht habe—“
„Dann war es meine Entscheidung“, sagte Wolfram. „Nicht deine.“
Sie betrachtete ihn. Lang. Die Art von Blick der keine Wut enthielt sondern etwas das schwerer wog – das ruhige Registrieren eines Menschen der weiß dass er verloren hat und es trotzdem nicht zurücknimmt.
Sie wandte sich zur Brücke zurück.
„Arvid“, sagte sie ohne sich umzudrehen. „Er bleibt?“
„Ja.“
„Gut.“ Eine Pause die nicht kurz genug war. „Ich hoffe du hast recht.“
Sie trat auf die Brücke. Wolfram blieb einen Moment im Nebenraum stehen. Das Gespräch war vorbei. Die Frage die darin gestellt worden war nicht.
Die Überlebenden der Stormraven waren in die Quartiere gebracht worden. Sieben Menschen die zu wenig gegessen und zu lange im Dunkeln gesessen hatten – der Schiffsarzt hatte sie untersucht, genickt und geschwiegen und das als ausreichende Diagnose betrachtet.
Wolfram ging durch den Korridor an den Quartieren vorbei als er die Stimme hörte.
Einer der Überlebenden. Laut genug um durch die halboffene Tür zu tragen – nicht absichtlich, nur die Lautstärke eines Mannes der vergessen hatte dass Wände dünn sein konnten.
„…und Jark. Wo ist Jark? Hat jemand—“
Stille. Jemand anderes antwortete leise, zu leise um es zu verstehen.
Dann nichts mehr.
Wolfram blieb stehen. Nicht lange. Er kannte den Namen – Jarks Akte war Teil der Stormraven-Unterlagen die Ragnar zusammengestellt hatte. Erster Offizier. Neun Jahre unter Arvid. Die Akte endete mit dem letzten bekannten Signal der Stormraven.
Er hörte Schritte hinter sich.
Arvid stand im Korridor. Er war der Stimme gefolgt – oder er hatte denselben Weg gehabt, Wolfram konnte es nicht sagen. Sein Blick ging zur halboffenen Tür. Kurz. Dann weg.
Sein Gesicht veränderte sich nicht.
Das war die Antwort auf die Frage die niemand gestellt hatte.
Wolfram sagte nichts. Arvid sagte nichts. Sie standen einen Moment im Korridor, zwei Männer die denselben Satz gelesen hatten und beide wussten dass er kein gutes Ende hatte.
Dann ging Arvid weiter. Wolfram sah ihm nach.
Jark. Kein Einschlag, kein Gefecht. Einfach nicht mehr da.
Er notierte es. Nicht auf Papier – in der Art wie man Dinge notiert die man nicht vergessen darf und nicht verwenden kann. Nicht jetzt.
