Das Experiment

Der Frachtraum war nie für Menschen gedacht gewesen.

Das merkte man. Die Decke zu hoch, die Wände zu weit auseinander, die Beleuchtung auf Effizienz ausgelegt nicht auf Anwesenheit. Stark hatte die mittlere Sektion freigeräumt – Kisten verschoben, Halterungen gelöst, eine Fläche geschaffen die nach nichts aussah. Kein Labor. Kein Altar. Nur Raum.

Der Monolith stand im Zentrum.

Stark arbeitete an der letzten Sensoreinheit, sein Werkzeug in der Hand, die Konzentration in jedem Handgriff ablesbar. Er sprach nicht viel wenn er arbeitete. Das war bekannt. Was weniger bekannt war: er hörte alles.

„Die Kalibrierung stimmt nicht“, sagte Siegfried.

„Die Kalibrierung stimmt.“ Stark zog eine Schraube fest ohne aufzusehen. „Deine Erwartungen stimmen nicht.“

Siegfried betrachtete die Messwerte auf seinem Pad. Seine VRIL-Tätowierungen lagen still unter den Ärmeln – er hatte sie bedeckt, was ungewöhnlich war. Als würde er verhindern wollen dass sie auf etwas reagierten bevor er bereit war.

„Ich will jeden Energieausschlag“, sagte er. „Jede Frequenz. Auch die unter der Wahrnehmungsschwelle.“

„Hab ich.“ Stark stand auf und wischte die Hände ab. „Was ich nicht aufzeichnen kann ist was passiert wenn die Geräte aufhören zu funktionieren.“

„Warum sollten sie aufhören zu funktionieren?“

Stark sah ihn an. Kurz, direkt. „Weil sie das in der Helheim Drift auch getan haben.“ Er wandte sich zur nächsten Einheit. „Ich bereite einen manuellen Fallback vor.“

Siegfried schwieg einen Moment. Dann: „Gut.“


Wolfram stand an der Wand gegenüber dem Eingang. Die Arme nicht verschränkt – nur die Hände hinter dem Rücken, der Rücken gerade. Die Haltung eines Mannes der Raum lässt.

Valeska stand drei Meter zu seiner Rechten. Nicht neben ihm. Neben dem Eingang.

Arvid war an der hinteren Wand. Er hatte nichts gesagt als Wolfram ihn eingeladen hatte – hatte nur genickt und war mitgekommen. Er stand jetzt da mit dem Blick dem Monolithen zugewandt und den Augen eines Mannes der etwas wiedererkennt das er lieber nicht wiedererkennen würde.

Die Tür öffnete sich.

Karl trat ein.

Niemand hatte ihn geholt. Er war von selbst gekommen – das registrierten alle im Raum ohne es auszusprechen. Er trug dieselbe Krankenkleidung wie seit Tagen, die Haare ungebürstet, die Hände ruhig an den Seiten. Er sah weniger eingefallen aus als noch vor einer Woche. Die Hände zitterten nicht.

Sein Blick ging direkt zum Monolithen. Nicht als würde er ihn suchen – als würde er ihn begrüßen.

„Karl“, sagte Wolfram.

„Ich weiß“, sagte Karl.

Er ging durch den Raum. Vorbei an Stark, vorbei an Siegfried, vorbei an den Sensoren. Er setzte sich auf den Boden vor dem Monolithen. Keine Matte, kein Kissen, kein Stuhl. Einfach den Boden. Die Hände auf den Knien.

Stark warf Wolfram einen Blick zu. Wolfram gab nichts zurück.

„Bereit?“ fragte Siegfried.

Karl antwortete nicht. Er hatte die Augen schon geschlossen.


Zuerst geschah nichts.

Stark beobachtete die Messwerte. Siegfried stand zwei Meter hinter Karl, das Pad in der Hand, die Augen zwischen den Daten und dem Monolithen wechselnd. Die Sensoren arbeiteten. Die Zahlen blieben unspektakulär.

Vier Minuten. Fünf.

Dann – nicht dramatisch, nicht mit einem Blitz – begannen die Runen sich zu verschieben.

Nicht alle. Nur die untersten, die die Bodenfläche des Monolithen säumten. Kleine Bewegungen, kaum wahrnehmbar, als würden sie sich neu ausrichten. Wie eine Kompassnadel die einen neuen Norden findet.

„Energiewerte“, sagte Siegfried leise.

„Sehe ich.“ Starks Stimme war flach. „Keine bekannte Signatur.“

„Keine VRIL-Resonanz?“

„Keine die ich kenne.“

Siegfried trat einen halben Schritt vor. Blieb dann stehen.

Die Temperatur im Raum hatte sich verändert. Nicht kalt wie in einem abgeschalteten Korridor – eher die Art von Kälte die man spürt wenn man lange in einem Raum gesessen hat und erst beim Aufstehen merkt wie kalt es geworden ist. Unbemerkt. Rückwirkend.

Wolfram sah seinen eigenen Atem.


Karl bewegte sich nicht. Seine Haltung war dieselbe – Hände auf den Knien, Rücken gerade, Augen geschlossen. Aber etwas hatte sich verändert. Schwer zu benennen. Die Art wie er atmete vielleicht – langsamer, gleichmäßiger, als würde sein Körper einen Rhythmus aufgenommen haben der nicht sein eigener war.

Dann sprach er.

Nicht laut. Kaum mehr als Murmeln.

„Sie haben kein Wort dafür.“ Eine Pause. „Wir auch nicht.“

Siegfried hob das Pad. Die Audioaufzeichnung lief.

„Das war immer…“ Karl stockte. Sein Kopf neigte sich minimal nach rechts, als würde er etwas hören. „Bevor. Schon bevor.“

Valeska bewegte sich nicht. Wolfram sah dass ihre Hand an der Seite hing – nah am Dolch aber nicht daran. Sie hörte zu mit dem Gesicht eines Menschen der bereit ist aber noch nichts tut.

„Die Zeit dort—“ Karl brach ab. Schüttelte leicht den Kopf. Nicht Verneinung – eher das Schütteln eines Menschen der ein Wort abwirft das nicht passt und nach einem anderen sucht das auch nicht passt. „Sie läuft nicht. Sie liegt.“

Stark warf Siegfried einen Blick zu. Siegfried schüttelte kaum merklich den Kopf. Nicht jetzt.

„Ich war schon dort.“ Karls Stimme war ruhiger jetzt. Fast sachlich. „Nicht das erste Mal. Das ist…“ Er hielt inne. Lange. „Das ist das zweite Mal dass es das erste Mal ist.“

Der Satz ergab keinen Sinn. Und doch – Wolfram spürte dass er einen hatte.


Dann wurde Karl still.

Nicht eingeschlafen. Nicht kollabiert. Einfach still. Die Atmung war noch da – Wolfram sah es an der Bewegung seiner Schultern. Aber alles andere hatte aufgehört. Kein Murmeln, keine kleinen Bewegungen, keine Reaktion auf den Raum um ihn herum.

Er war noch da. Und gleichzeitig nicht.

Stark überprüfte die Messwerte. „Vitalzeichen stabil“, sagte er leise. „Aber die Sensoren—“

„Ich sehe es.“ Siegfried betrachtete das Pad. Dann hob er den Kopf und sah den Monolithen an.

Die Runen hatten aufgehört sich zu bewegen. Sie standen still – aber anders als vorher. Nicht die Stille von etwas das wartet. Die Stille von etwas das angekommen ist.

Das Licht im Raum war anders. Wolfram bemerkte es ohne sagen zu können wann es passiert war. Die Handlampen an den Wänden hatten dieselbe Stärke – aber die Schatten lagen falsch. Nicht falsch wie in der Helheim Drift, nicht bedrohlich. Nur verschoben. Als hätte eine unsichtbare Lichtquelle kurz den Winkel gewechselt und es noch nicht zurückgewechselt.

Niemand sprach.

Arvid an der hinteren Wand hatte die Augen geschlossen. Nicht aus Angst – Wolfram kannte den Unterschied. Aus etwas das mehr nach Anerkennung aussah. Als würde ein Mensch der denselben Ort kannte nicken ohne zu nicken.


Wolfram sah es als Erster.

Karls linke Hand. Die auf dem Knie gelegen hatte – offen, leer.

Jetzt lag etwas darin.

Niemand sagte etwas. Stark sah es. Siegfried sah es. Valeska, die drei Schritte hinter Karl stand und freien Blick hatte, sah es – und ihre Hand bewegte sich nicht zum Dolch. Sie blieb wo sie war.

Die Rune war kleiner als Wolfram erwartet hätte. Kleiner als eine Faust. Unregelmäßige Kanten. Oberfläche dunkel, kaum ein Schimmer – nicht das pulsierende Blau das er sich vorgestellt hatte. Fast unscheinbar.

Fast.

Das leise Summen das von ihr ausging – nicht hörbar, nur spürbar, in den Knochen eher als in den Ohren – das war nicht unscheinbar.

Niemand fragte wann sie erschienen war. Die Frage war im Raum. Aber niemand stellte sie laut.


Karl öffnete die Augen.

Blau. Nicht schwarz – das registrierte Valeska zuerst und ließ die Hand sinken. Blau, aber nicht dasselbe Blau wie vorher. Klarer. Als hätte jemand ein Fenster geöffnet das jahrelang geschlossen gewesen war.

Er blinzelte einmal. Sah auf seine Hand. Betrachtete die Rune darin mit der ruhigen Aufmerksamkeit eines Mannes der etwas wiederfindet das er verlegt hatte – nicht überrascht, nur registrierend.

Dann sah er auf.

Sein Blick ging durch den Raum. Stark. Siegfried. Valeska. Wolfram. Arvid. Er nahm sie alle auf ohne zu blinzeln, ohne Hast. Die Art wie ein Mensch einen Raum betritt in dem er schon einmal gewesen ist – nur diesmal von der anderen Seite.

„Das Licht lag früher anders hier drin“, sagte er.

Ein vollständiger Satz. Grammatisch korrekt, inhaltlich klar, in seiner eigenen Stimme. Kein Stocken, kein Fragment, kein Abbruch.

Niemand antwortete sofort. Nicht weil niemand etwas zu sagen hatte – sondern weil der Satz selbst das Ereignis war. Nicht der Inhalt. Die Tatsache.

Stark sah auf seine Messwerte. Dann weg. Als würden die Zahlen jetzt weniger interessieren als das was vor ihm saß.

Siegfried kniete sich langsam neben Karl. Nicht zu nah. Er sah auf die Rune. „Wie geht es dir?“

Karl überlegte. Ehrlich, nicht performativ. „Anders“, sagte er schließlich. „Nicht schlechter. Nur anders.“

Er schloss die Hand um die Rune. Das Summen das von ihr ausging veränderte sich minimal. Ruhiger. Als würde es sich an ihn gewöhnen. Oder er sich an es.


Wolfram trat vor. Langsam, ohne Eile. Er blieb einen halben Meter vor Karl stehen und sah auf ihn herab – nicht von oben herab, sondern mit dem Blick eines Mannes der sicherstellen will dass das was er sieht das ist was er sieht.

Karl sah zurück. Direkt. Ohne das Ausweichen das die letzten Wochen geprägt hatte.

Wolfram streckte die Hand aus.

Karl legte die Rune hinein.

Ein kurzes Gewicht in Wolframs Handfläche. Das Summen wanderte mit – setzte sich in den Handknochen fest, zog den Arm hinauf, legte sich irgendwo ab das er nicht benennen konnte. Er betrachtete die Rune einen Moment. Dann gab er sie zurück.

„Gut“, sagte er.

Das war alles.

Er wandte sich ab und sah Valeska an. Sie sah ihn an. Kein Dialog – nur das gemeinsame Registrieren von etwas das passiert war und das keiner von beiden hätte beschreiben können. Nicht weil es keine Worte dafür gab, sondern weil die Worte nicht die richtigen gewesen wären. Was zwischen ihnen stand war nicht Einverständnis. Es war die geteilte Wahrnehmung einer Tatsache.

Arvid hatte die Augen wieder geöffnet. Er sah Karl an – lang, ruhig. Dann nickte er einmal. Minimal. Karl nickte zurück.

Kein Wort zwischen ihnen. Keines nötig.


Die Tür öffnete sich.

Götz stand im Rahmen. Er sah kurz durch den Raum – registrierte Karl, die Rune, die Gesichter. Sagte nichts dazu. Wandte sich an Wolfram.

„Erik hat gefragt.“

Wolfram drehte den Kopf. „Was?“

„Aus der Zelle.“ Götz‘ Stimme war eben. „Er hat gefragt was das Geräusch war.“

Eine kurze Stille.

„Es gab kein Geräusch“, sagte Stark.

„Nein“, sagte Götz. „Gab es nicht.“

Er wartete einen Moment ob jemand etwas hinzufügen würde. Niemand tat es.

Götz nickte einmal und zog die Tür hinter sich zu.

Der Frachtraum war wieder still. Der Monolith stand im Zentrum, die Runen unbeweglich, das Licht das immer noch nicht ganz richtig lag. Karl saß auf dem Boden und hielt die Rune und sah aus wie jemand der gerade sehr weit gewesen war und jetzt sehr müde ist und beides in Ordnung findet.

Wolfram stand an der Wand und dachte an Erik der in seiner Zelle ein Geräusch gehört hatte das es nicht gegeben hatte.

Er dachte daran bis die Gedanken aufhörten Sinn zu ergeben.

Dann verließ er den Frachtraum.

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Sirius B – Der Ruf der GötterKapitel 13

Karls Erinnerungen

Der Frachtraum atmete anders. Nicht wärmer. Nicht kälter. Nur – anders, auf eine Art die sich nicht in Messwerte übersetzen…

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.