Karls Erinnerungen

Der Frachtraum atmete anders.

Nicht wärmer. Nicht kälter. Nur – anders, auf eine Art die sich nicht in Messwerte übersetzen ließ. Stark hatte seinen Blick auf die Geräte gesenkt und die Geräte zeigten nichts an das sie nicht schon vorher angezeigt hatten. Das war entweder beruhigend oder beunruhigend. Er hatte sich noch nicht entschieden welches.

Karl saß noch immer auf dem Boden.

Die Augen blau. Das war das Erste was jeder sah und das Einzige das zählte in diesem Moment – nicht das Blau selbst, sondern die Tatsache dass es das richtige Blau war. Das Blau das man kannte. Nicht das Schwarz das sie zuletzt gesehen hatten, nicht das Leere das vorher gewesen war. Dieses hier.

Wolfram stand an der Wand. Hatte sich nicht bewegt. Er sah auf Karl und Karl sah zurück – direkt, ohne das Ausweichen der letzten Wochen – und zwischen ihnen lag das kurze, unausgesprochene Inventar der Tatsache dass Karl noch da war und dass das eine Tatsache war die sich gelohnt hatte zu warten.

Die Rune lag in seiner offenen Hand.

Kleiner als eine Faust, dunkle Oberfläche, das Summen das durch Knochen geht. Sie lag jetzt anders als sonst. Nicht pulsierend. Nicht drängend. Ruhig auf eine Art die sich anfühlte wie Erschöpfung – wie ein Tier das lange gerannt ist und sich hingelegt hat.

Niemand sprach.

Siegfried war der erste der sich bewegte.

Er tat es nicht laut. Trat einen Schritt vor, dann noch einen, kniete sich neben Karl auf den Boden ohne Karl anzusehen – die Augen auf die Rune. Seine VRIL-Tätowierungen lagen unter den Ärmeln. Aber da war trotzdem etwas. Eine Spannung in der Haut, als würden die Male drücken von innen.

Karl öffnete die Hand etwas weiter. Nicht als Angebot. Nur als Möglichkeit.

Siegfried legte zwei Finger darauf.

Was passierte war klein. Die Tätowierungen an seinen Handgelenken flackerten einmal auf – kurz, violett, dann erloschen. Sein Atem stockte. Einen Herzschlag. Dann weiter, gleichmäßig, als wäre nichts gewesen. Er zog die Finger zurück. Richtete sich auf. Sagte nichts. Sein Gesicht war anders als vorher – nicht erschrocken, nicht erleichtert. Konzentrierter. Als hätte er gerade eine Frage gehört für die er noch keine Antwort hatte.

Stark betrachtete die Szene von seinem Platz aus. Dann legte er sein Pad ab, trat heran und berührte die Rune mit dem Daumen – kurz, sachlich, wie man einen Kontakt prüft. Das Summen wanderte den Arm hinauf. Er registrierte es. Zog die Hand zurück. Schrieb nichts auf. Keine Messung. Kein Protokoll. Er wandte sich zur Seite und sah die Wand an für einen Moment länger als nötig.

Arvid hatte sich nicht gerührt seit Karl die Augen geöffnet hatte.

Jetzt trat er vor. Langsam, mit dem Gang eines Mannes der schwere Dinge getragen hat und weiß dass es noch mehr wird. Er blieb vor Karl stehen, sah auf die Rune, dann auf Karl. Etwas zwischen ihnen – keine Worte, nur das Gewicht von Menschen die dasselbe gesehen haben ohne je darüber gesprochen zu haben.

Er legte die Hand darum. Nicht nur berühren – halten. Eine Sekunde. Zwei.

Seine Augen schlossen sich kurz. Als müsste er etwas dagegen anstemmen. Dann öffneten sie sich wieder und er ließ los, trat einen Schritt zurück und stand da mit der Stille eines Mannes der gerade etwas bestätigt bekommen hat das er lieber nicht bestätigt bekommen hätte.

Wolfram sah ihn an.

Arvid schüttelte kaum merklich den Kopf. Später. Nicht jetzt.

Valeska hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt.

Sie stand neben dem Eingang, die Arme lose an den Seiten, den Blick auf die Rune. Nicht abweisend. Nicht bereit. Abwartend auf eine Art die bedeutete: sie würde entscheiden wann und nicht früher.

Karl sah sie an.

Valeska trat vor.

Sie kniete sich nicht. Sie beugte sich, kurz, und berührte die Rune mit den Fingerspitzen – Zeige- und Mittelfinger, leicht, als würde sie eine Temperatur prüfen. Das war alles. Eine Sekunde.

Dann richtete sie sich auf, drehte sich um und verließ den Frachtraum ohne ein Wort.

Die Tür schloss sich.

Wolfram sah ihr nach. Dann sah er in den Raum – Siegfried gegangen, Stark gegangen, Arvid gegangen. Nur der Monolith noch. Und Karl auf dem Boden.

Er trat vor und setzte sich neben ihn. Nicht auf einen Stuhl, nicht mit Abstand – auf den Boden, Schulter an Schulter fast, wie zwei Männer die auf etwas warten das längst vorbei ist.

Eine Weile sagte keiner etwas.

Dann streckte Wolfram die Hand aus. Offen. Neben Karls Hand, die Rune dazwischen.

Karl legte sie hinein.

Was er spürte sagte Wolfram nicht. Sein Atem veränderte sich – kaum merklich, eine halbe Sekunde tiefer als normal, dann wieder eben. Die Finger schlossen sich nicht um die Rune. Sie lag nur. Er ließ sie liegen.

Lange.

Dann gab er sie zurück.

„Wo warst du?“ fragte er. Leise, ohne Dringlichkeit. Die Frage eines Mannes der Zeit hat, auch wenn er keine hat.

Karl betrachtete die Rune in seiner Hand. „Ich weiß nicht wie ich es nennen soll.“

„Dann lass es.“

Stille. Das Summen der Rune, das Summen des Schiffes darunter, nicht zu unterscheiden voneinander.

„Bist du zurück?“ fragte Wolfram.

Karl dachte nach. Nicht zu lang, nicht performativ. Ehrlich. „Größtenteils.“

Wolfram nickte.

„Schläfst du überhaupt noch?“

„Ich weiß es nicht mehr genau.“

Er stand auf, klopfte den Staub von der Hose der keiner da war, und sah auf Karl hinab.

„Gut.“

Er verließ den Frachtraum. Karl blieb sitzen. Die Rune in der Hand. Den Monolithen im Rücken. Das Licht das immer noch nicht ganz richtig lag.

Draußen, irgendwo tief im Schiff, saß Erik in seiner Zelle und erinnerte sich an ein Geräusch das es nicht gegeben hatte.

Karl war nicht in der Krankenstation.

Wolfram hatte dort zuerst nachgesehen, dann in der Kantine, dann ließ er es und ging zum Frachtraum. Die Tür war nicht verschlossen.

Karl stand vor dem Monolithen, einen halben Meter Abstand, die Hände in den Taschen der Krankenkleidung die er immer noch trug. Er hatte sich nicht umgezogen. Vielleicht hatte er auch nicht geschlafen. Beides war möglich und Wolfram entschied dass es gerade keine Rolle spielte.

Er trat ein. Ließ die Tür offen.

„Die anderen kommen in zwei Stunden“, sagte er. „Bevor das passiert – was muss ich wissen?“

Karl drehte sich um. Sein Gesicht im Morgenlicht des Frachtraums – das falsche, zu flache Licht das hier immer falsch lag – sah ruhiger aus als gestern. Nicht erholt. Ruhiger.

Er sah Wolfram an als würde er abwägen was sich übersetzen ließ und was nicht.

„Sie sind keine Feinde“, sagte er schließlich.

Wolfram wartete.

„Nicht in dem Sinne. Nicht wie wir das verstehen.“ Karl zog die Hände aus den Taschen. Betrachtete sie kurz, als würde er nach Worten suchen die in seinen Handflächen lagen. „Es gibt kein Wort dafür. Am nächsten kommt…“ Er zögerte. „Wächter.“

„Wächter vor was?“

Karl schüttelte den Kopf. Nicht abweisend – ehrlich. „Das weiß ich nicht. Oder ich weiß es, aber ich kann es nicht…“ Er brach ab. Versuchte es anders. „Es ist wie wenn du weißt dass etwas schwer ist, aber das Wort Gewicht nicht kennst. Du spürst es. Du kannst es nicht sagen.“

Wolfram ließ das stehen.

„Die Zeit dort“, fuhr Karl fort. Langsamer jetzt, vorsichtiger. „Sie läuft nicht. Das habe ich schon gesagt. Aber es ist mehr als das.“ Er wandte sich wieder zum Monolithen. „Hier ist jetzt jetzt. Dort ist jetzt… alles gleichzeitig. Vergangen, kommend, beides ohne Trennlinie.“ Eine Pause. „Ich weiß nicht mehr genau wie lange ich dort war.“

„Monate“, sagte Wolfram.

„Für euch.“

Stille. Das Summen des Schiffes darunter, das leise Arbeiten der Systeme in den Wänden.

„Und die Rune?“ fragte Wolfram.

Karl griff in die Tasche. Hielt sie in der flachen Hand.

„Sie kommt nicht von dort“, sagte er. Der Ton war anders jetzt. Ruhig auf eine Art die sich anfühlte wie Unbehagen das sich mit Ruhe überdeckt hat. „Ich habe das erst dort verstanden. Sie hat in ihrer Welt keinen Platz. Kein Gewicht, keine Signatur, keine Entsprechung.“ Er betrachtete die Rune. „Sie ist von hier.“

Wolfram sah ihn an. „Und trotzdem war sie dort.“

„Ja.“

„Wie?“

Karl schloss die Hand. „Das frage ich mich auch.“

Die Antwort kam nicht. Wolfram registrierte dass sie nicht kommen würde und stellte keine weitere Frage.

„Zwei Stunden“, sagte er. „Zieh dich um.“

Er verließ den Frachtraum.

Zwei Stunden später stand Karl vor dem schmalen Spiegel in der Krankenstation und zog die Krankenkleidung aus.

Es hatte niemand angeordnet. Wolframs Satz war kein Befehl gewesen, eher eine Beobachtung – die Art Satz die nur funktioniert weil der andere bereits weiß dass er stimmt. Karl hatte die Schubladen geöffnet, seine Uniform herausgenommen, sie eine Weile in den Händen gehalten.

Die Uniform roch nach Schiff. Nach dem spezifischen Gemisch aus Maschinenöl und Korridor und der Wäsche die auf der Wotansklinge immer leicht nach dem Wasser schmeckte das sie für alles verwendeten. Ein Geruch der keine Geschichte hatte. Der einfach da war, immer schon da gewesen war, wie das Summen des Antriebs und das Knirschen der Schotten bei Kursänderungen.

Er zog sich an.

Der Spiegel zeigte einen Mann der dünner war als vor einigen Monaten, die Wangenknochen etwas schärfer, die Augen blauer als Karl sie je an sich selbst gesehen hatte. Er betrachtete sein Gesicht lange genug um sicher zu sein dass es seines war. Dann wandte er sich ab.

Die Rune trug er in der Brusttasche.

Er hatte keine Entscheidung getroffen sie dorthin zu legen – er hatte einfach gemerkt dass er sie dort trug als er schon auf dem Weg war. Das Summen saß jetzt anders. Nicht mehr in der Hand, nicht mehr durch die Knochen. Eher: da. Wie ein zweiter Herzschlag der einen eigenen Rhythmus hatte und trotzdem keinen Aufstand machte.

Die Gänge der Wotansklinge zur frühen Stunde. Das Schiff arbeitete, die Crew arbeitete, Stimmen hinter geschlossenen Türen, das Vibrieren der Antriebe unter den Füßen.

Er kannte dieses Schiff nicht.

Aber der Boden trug. Die Luft hatte Gewicht. Das Vibrieren der Antriebe kam von unten und ging durch die Sohlen der Stiefel und weiter, gleichmäßig, zuverlässig.

Das war mehr als er gestern gewusst hatte.

Die Tür zum Besprechungsraum stand einen Spalt offen.

Dahinter: Stimmen. Wolframs, tief und ruhig, er sprach gerade nicht. Valeskas, eine kurze Frage. Götz, eine kürzere Antwort. Das Geräusch von jemandem der einen Stuhl verrückte. Das Geräusch von Menschen die auf etwas warten ohne zu wissen worauf genau.

Karl blieb kurz stehen.

Nicht aus Zögern. Nur um es zu registrieren – diesen Moment, diese Seite der Tür, bevor er auf die andere trat. Das Schiff unter seinen Füßen. Die Rune in der Brusttasche. Die Stimmen dahinter.

Er schob die Tür auf und trat ein.

Wolfram sah als erster auf. Dann die anderen, einer nach dem anderen, und die Stille die sich kurz ausbreitete war nicht schwer, nicht geladen. Nur der kurze Moment des Registrierens.

Karl in Uniform. Karl mit den blauen Augen. Karl der aufrecht stand.

Götz räusperte sich. Zog den Stuhl neben sich einen halben Zentimeter zurück. Die Geste eines Mannes der Platz macht ohne es groß anzukündigen.

Karl setzte sich.

Wolfram sah in die Runde. Dann: „Fangen wir an.“

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Die Botschaft

Der Besprechungsraum hatte nie gut gerochen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, die Lüftung die hier immer einen halben…

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.