Die Botschaft

Der Besprechungsraum hatte nie gut gerochen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, die Lüftung die hier immer einen halben Grad zu kalt lief. Heute fiel es niemandem auf.

Wolfram saß am Kopf des Tisches. Nicht weil er sich gesetzt hatte – er stand noch, die Hände auf der Tischfläche, und irgendwann war aus dem Stehen ein Sitzen geworden ohne dass jemand den Übergang bemerkt hatte.

„Fangen wir mit dem an was wir wissen“, sagte er. „Was ihr gesehen habt. Einer nach dem anderen. Kein Kommentar bis alle durch sind.“

Niemand fragte warum. Die Rune lag in Karls Brusttasche und alle wussten es und keiner sah dorthin.

Siegfried begann.

Er sprach sachlich, die Hände flach auf dem Tisch, die VRIL-Tätowierungen unter den Ärmeln still. „Eine Architektur.“ Er zögerte kurz bei dem Wort – als wäre es nicht ganz richtig, aber das nächstbeste was er hatte. „Nicht gebaut. Gewachsen. Türme, Spiralen, Strukturen die sich in Richtungen bewegen die ich nicht benennen kann.“ Eine Pause. „Lebendig. Nicht wie ein Organismus – wie ein Gedanke der Form angenommen hat. Und groß…“ Er brach kurz ab. „Ich habe kein Maß dafür. Kein Referenzpunkt. Planetar vielleicht. Vielleicht mehr.“

Er lehnte sich zurück. Fertig.

Stark räusperte sich. Er sah auf die Tischfläche vor sich, nicht auf die anderen. „Maschinen. Das Wort passt nicht, aber es ist das nächste was ich habe.“ Seine Stimme hatte den Ton eines Mannes der etwas gegen seinen Willen beschreibt. „Konstruktionen die nach Gesetzen arbeiten die ich nicht kenne. Keine Thermodynamik die ich erkenne. Keine Mechanik die ich einordnen kann.“ Er machte eine kurze Pause. „Etwas wird gebaut. Seit wann – keine Ahnung. Der Maßstab…“ Er schüttelte einmal den Kopf. Sagte dann nichts mehr.

Arvid saß still. Als Wolfram ihn ansah, nickte er einmal. „Ich habe die Veränderten gesehen.“ Er sprach leise, fast zu leise für den Raum. „Nicht einzelne. Den Mechanismus. Wie es passiert. Wie viele schon darin sind.“ Seine Finger lagen reglos auf dem Tisch. „Die Zahl war keine Zahl. Es war ein Gefühl. Ich wünschte es wäre eine Zahl gewesen.“

Er sagte nichts mehr.

Valeska wartete einen Moment nachdem Arvid geendet hatte. Nicht aus Zögern – als würde sie abwägen wieviel sie sagen musste damit es stimmte.

„Ein Raum“, sagte sie schließlich. „Keine Wände. Keine Decke. Kein Boden.“ Ihr Blick lag auf einem Punkt irgendwo zwischen dem Tisch und der Wand gegenüber. „Etwas darin das auf mich gewartet hat. Nicht auf mich persönlich.“ Eine kurze Pause. „Auf jemanden wie mich. Es hat Zeit gehabt. Viel Zeit.“ Sie sah kurz auf. „Es hat mich angesehen. Ich habe nicht weggesehen.“

Stille.

Alle sahen Wolfram an.

Er ließ einen Moment vergehen. Dann: „Ich habe das Schiff gesehen.“ Kein weiterer Einleitungssatz. „Die Wotansklinge. Von innen. Jeden Gang, jede Kammer, jeden Winkel.“ Er sprach ruhig, fast beiläufig, aber die Beiläufigkeit saß nicht ganz. „Vollständig. Als hätte jemand jeden Zentimeter auswendig gelernt.“ Er machte eine kurze Pause. „Als wäre jemand schon hier gewesen. Bevor wir hier waren.“

Niemand sprach sofort.

Das Summen der Rune in Karls Brusttasche. Das Summen des Schiffes darunter. Beides gleichzeitig, nicht zu unterscheiden voneinander.

Karl sah in die Runde. Die fünf Berichte hingen im Raum wie Nebel der sich nicht auflöst. Fünf verschiedene Fenster. Kein gemeinsamer Rahmen. Er hätte etwas sagen können – er ließ es.

Wolfram sah auf den Tisch. „Fragen.“

Valeska war die erste die sprach.

Nicht sofort – sie ließ Wolframs Wort im Raum stehen lange genug damit klar war dass sie keine Frage hatte die sie stellen wollte. Dann:

„Wir reden über das Falsche.“

Wolfram sah sie an. Sagte nichts.

„Was wir gesehen haben.“ Sie lehnte sich nicht vor, veränderte ihre Haltung nicht. Nur die Stimme wurde einen Ton schärfer, die Art von Schärfe die aus Präzision kommt und nicht aus Wut. „Ob es Architektur war oder Maschinen oder ein Raum ohne Wände – das ist nicht die Frage. Die Frage ist wie es dorthin gekommen ist.“

„In unsere Köpfe“, sagte Stark.

„Ohne zu fragen.“ Sie sah kurz zu ihm, dann wieder zu Wolfram. „Wir haben die Rune berührt. Wir haben nicht um Visionen gebeten. Wir haben nicht eingewilligt. Es hat sich hineingedrückt weil es konnte.“ Eine kurze Pause. „Das ist keine Einladung. Das ist ein Angriff mit anderen Mitteln.“

Siegfried öffnete den Mund.

„Ich weiß was du sagen willst“, sagte Valeska. Nicht unfreundlich. Nur schneller. „Vielleicht hatten sie keinen anderen Weg. Vielleicht war das das Einzige was möglich war.“ Sie wandte sich zu ihm. „Dann hätten sie keinen Weg gehabt. Das ist keine Grausamkeit – das ist Prinzip. Wenn die Methode falsch ist, ändert die Absicht nichts daran.“

Siegfried schwieg einen Moment. Dann, ruhig: „Und wenn das was sie fürchten schlimmer ist als ihre Methoden?“

„Dann ist das ihr Problem.“

„Es könnte auch unseres werden.“

Valeska sah ihn an. „Ja. Und trotzdem.“

Ein Riss im Raum. Keiner der ihn schloss.

Wolfram hatte während des Austauschs nichts gesagt. Er saß am Kopf des Tisches und hörte zu mit dem Ausdruck eines Mannes der beide Argumente kennt und keines davon für falsch hält. Das war das Unbequemste an ihm in diesem Moment – nicht dass er schwieg, sondern dass sein Schweigen keine versteckte Entscheidung enthielt.

„Valeska hat recht“, sagte er schließlich.

Siegfried sah auf.

„Die Methode ist nicht akzeptabel.“ Er ließ eine kurze Pause entstehen. „Und Siegfried hat recht. Was dahinter steckt müssen wir verstehen.“ Er betrachtete den Tisch. „Beides gleichzeitig. Ich weiß dass das keine befriedigende Antwort ist.“

„Es ist gar keine Antwort“, sagte Valeska.

„Nein.“ Er sah sie an. „Aber es ist die einzige die ich habe.“

Sie hielt seinen Blick. Nickte einmal, kaum merklich. Nicht als Zustimmung. Als Quittierung.

Der Riss blieb wo er war.

Die Rune reagierte ohne Ankündigung.

Kein Licht. Kein Laut. Kein Pulsieren das sich aufgebaut hätte – einfach plötzlich da, in allen Köpfen gleichzeitig, wie ein Wort das man selbst gedacht hat und gleichzeitig nicht:

WAHL

Eine Sekunde. Dann weg.

Niemand bewegte sich. Die Luft im Raum hatte dieselbe Temperatur wie vorher, die Lüftung lief weiter, das Schiff arbeitete unter ihnen. Alles unverändert außer dem was sich nicht benennen ließ.

Stark legte beide Hände flach auf den Tisch. Eine Geste die nichts bedeutete außer: ich bin noch hier, ich bin noch ich.

Arvid atmete aus. Langsam.

Valeska hatte die Augen kurz geschlossen. Öffnete sie wieder. Sagte nichts.

Wolfram saß still. Sein Blick wanderte zu Karl.

Karl hatte die Hand auf die Brusttasche gelegt. Nicht greifend – nur dort. Als würde er prüfen ob die Rune noch da war. Sie war noch da. Das Summen unter seinen Fingern, gleichmäßig, ohne Aufregung, als hätte sie gerade nichts Besonderes getan.

„WAHL“, sagte Siegfried leise. Nicht als Frage. Als würde er das Wort wiegen.

Niemand antwortete darauf.

Eine Weile saß der Raum mit sich selbst.

Dann begann Karl zu sprechen. Nicht laut, nicht mit dem Gewicht einer Ankündigung – einfach: „Dort war etwas das ich nicht einordnen konnte.“ Er sah auf die Tischfläche vor sich. „Eine Signatur. Kein Ort, kein Bild. Eher ein Abdruck – als hätte etwas dort gelegen das jetzt weg ist aber die Form hinterlassen hat.“ Er zögerte. „Ich habe es nicht verstanden weil ich keinen Referenzpunkt hatte.“

Er hob den Blick. „Jetzt habe ich einen.“

Wolfram wartete.

„Die Stormraven.“

Stille. Dann Siegfried, der sich leicht vorbeugte, die VRIL-Male an seinen Handgelenken kaum sichtbar durch den Stoff: „Ich spüre dieselbe Richtung. Seit heute Nacht – ich habe es nicht benennen können. Jetzt schon.“ Er sah Wolfram an. „Was immer dort ist – es resoniert mit dem was wir hier tragen.“

Wolfram saß einen Moment still. Sah von Siegfried zu Karl. Dann einmal durch den Raum – Valeska, Arvid, Stark. Keiner widersprach. Keiner nickte. Sie warteten.

„Kurs auf die Stormraven“, sagte er.

Er stand auf. Das war das Ende der Besprechung.

Valeska stand als erste auf nach ihm. Sie sagte nichts – aber als sie an der Rune vorbeiging, dem kleinen Gewicht in Karls Brusttasche, verlangsamte sie ihren Schritt für einen halben Herzschlag.

Dann war sie draußen.

Die anderen folgten. Stark mit dem Pad unter dem Arm. Arvid langsam, den Blick schon woanders. Siegfried der noch einen Moment stehenblieb und die Luft im Raum anschaute als würde er etwas nachmessen.

Zuletzt Karl.

Er stand auf, zog die Uniform gerade, legte kurz die Hand auf die Brusttasche. Das Summen antwortete nicht. Es war einfach da.

Er verließ den Raum.

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Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.