Verräter und Schatten

Wolfram trat ein ohne zu zögern.

Die Kälte traf ihn sofort – nicht wie ein Korridor der zu lange unbeheizt war, sondern wie ein Raum der etwas enthielt das Wärme nicht duldete. Er registrierte es und ließ es registriert sein.

Erik sah ihn an.

Das Lächeln war noch da – breiter vielleicht als vorhin, die Zähne zu sichtbar im fahlen Licht der Notbeleuchtung. Aber die Augen sagten etwas anderes. Die Augen eines Mannes der sehr lange auf etwas gewartet hat und jetzt nicht mehr weiß ob das Warten sich gelohnt hat.

Wolfram blieb einen Meter vor ihm stehen. Sah auf ihn herab – nicht von oben herab, sondern mit der Nüchternheit eines Mannes der eine Situation einschätzt die er schon zu oft eingeschätzt hat.

„Erik.“

Mehr nicht. Nur der Name. Die Art wie man jemandem sagt: ich sehe dich, ich weiß was du bist, fangen wir an.

Erik hob das Kinn. „Wolfram.“ Sein Tonfall spiegelte denselben Rhythmus – als würden sie ein Gespräch fortsetzen das nie wirklich aufgehört hatte. „Du hast dir Zeit gelassen.“

„Ich habe gewartet.“

„Worauf?“

Wolfram antwortete nicht sofort. Er ließ den Blick kurz durch die Zelle gehen – die Wände, die Schatten die sich darin bewegten wie etwas das atmet, die Männer die reglos auf ihren Pritschen saßen und so taten als würden sie schlafen. Dann zurück zu Erik.

„Auf den richtigen Moment.“

Etwas veränderte sich in Eriks Gesicht. Kaum merklich – ein minimales Spannen um die Augen, die Art wie ein Muskel arbeitet der eigentlich still bleiben sollte. Wolframs Hand lag an der Seite, die Jackentasche geschlossen. Er hatte die Rune nicht herausgezogen. Er musste es nicht.

Erik wusste dass sie da war.

Götz stand an der Tür. Die Arme verschränkt, der Blick zwischen Wolfram und Erik pendelnd, die Hand nah am Gurt ohne darauf zu liegen. Er sagte nichts. Er war nicht hier um zu sprechen.

„Du hast Angst“, sagte Wolfram.

Erik lachte. Ein kurzes, echtes Geräusch – nicht das Lachen das er für Auftritte verwendete, sondern das andere. Das das bedeutete: du liegst falsch, aber ich werde dir nicht sagen warum. „Angst.“ Er ließ das Wort im Raum stehen. „Du weißt nicht was ich fühle.“

„Ich weiß was du bist.“ Wolframs Stimme blieb eben. „Ein Mann der eine Wette gemacht hat. Auf etwas das er nicht vollständig verstanden hat. Und der jetzt in einer Zelle sitzt und wartet ob die Wette aufgeht.“

„Oder“, sagte Erik, „ein Mann der mehr gesehen hat als du.“

„Vielleicht.“ Wolfram trat einen halben Schritt vor. „Und trotzdem sitzt du hier.“

Die Schatten an der Wand bewegten sich. Langsam, ohne Richtung – diese Wellenbewegung die keinen Wind brauchte und keiner Logik folgte. Götz spürte die Kälte tiefer werden. Er bewegte sich nicht.

Erik sah Wolfram an. Das Lächeln war schmaler geworden.

„Was willst du hören?“

„Die Wahrheit“, sagte Wolfram. „Nicht die Version die du für Tribunale aufgehoben hast. Die andere.“

Eine Pause.

„Warum.“

Erik schwieg eine Weile.

Nicht aus Widerstand – aus der Art von Stille die entsteht wenn jemand entscheidet ob er sich die Mühe macht. Dann, langsam, löste sich etwas in seiner Haltung. Nicht Zusammenbruch. Eher: das Ablegen einer Last die er zu lang getragen hatte um zu merken wie schwer sie war.

„Du kennst das Gefühl“, sagte er. „Wenn etwas schiefläuft und du weißt dass es nicht das letzte Mal ist. Dass es wieder passiert. Und wieder.“ Er sah auf seine Hände. „Ich habe es oft genug gesehen. Feldzüge die nichts erreicht haben. Männer die gestorben sind für Entscheidungen die niemand mehr verteidigte wenn der Staub sich gesetzt hatte.“

Wolfram hörte zu. Sagte nichts.

„Und dann kommt jemand und sagt: es muss nicht so sein.“ Erik hob den Blick. „Nicht als Versprechen. Als Tatsache. Sie haben mir gezeigt was möglich ist. Nicht mit Worten – mit…“ Er suchte nach dem richtigen Begriff. „Mit Wissen das sich anders anfühlte als alles was ich vorher hatte. Als würde jemand eine Gleichung fertigschreiben die ich mein Leben lang halb gesehen hatte.“

Er machte eine kurze Pause. „Ich bekam die Möglichkeit die Dinge rückwirkend zu verändern. So viel Leid zu vermeiden. Den Zerfall den wir heute haben – das alles hätte nicht sein müssen.“

„Zeitmanipulation“, sagte Wolfram.

Erik nickte. Einmal, knapp. Als würde das Wort die Sache kleiner machen als sie war, aber als wäre es trotzdem das richtige.

„Wer?“

Erik sah ihn an.

„Wer hat das versprochen.“

Keine Antwort. Nicht sofort. Die Stille die folgte war nicht die Stille des Zögerns – es war die Stille eines Mannes der eine Entscheidung bereits getroffen hat und sie jetzt nur noch hält. Erik schloss kurz die Augen. Öffnete sie wieder. Das Lächeln kam nicht zurück.

„Das“, sagte er, „bekommst du nicht.“

Wolfram betrachtete ihn. Lange. Nicht mit Wut – mit der nüchternen Aufmerksamkeit eines Mannes der registriert was er bekommt und was nicht und beides verbucht.

„Fehler ungeschehen“, sagte er schließlich. „Verluste zurückgeholt. Die Männer die du verloren hast.“

Stille.

Das war der Kern. Wolfram sah es in Eriks Gesicht – nicht im Lächeln, das war lange verschwunden, sondern in dem was darunter lag. Ein Mann der Namen trug die er nicht mehr aussprechen konnte ohne dass sie kosteten.

„Ja“, sagte Erik leise.

Wolfram ließ es einen Moment stehen. Dann: „Und hat es funktioniert?“

Keine Antwort.

„Bist du jünger geworden seit du mit ihnen arbeitest? Haben sich deine Fehler aufgelöst? Sind deine Toten zurückgekommen?“ Seine Stimme war nicht grausam – nur präzise. Die Art von Präzision die schlimmer ist als Grausamkeit. „Du sitzt in einer Zelle und die Männer auf deinen Pritschen sprechen in einer Sprache die keine ist. Das ist nicht das Ergebnis von jemandem der sein Versprechen gehalten hat.“

Erik schloss die Augen.

Kurz. Einen Atemzug lang.

Als er sie wieder öffnete war das Lächeln nicht zurückgekommen. Was stattdessen da war – schwer zu benennen. Nicht Reue. Nicht Kapitulation. Eher: die Erschöpfung eines Mannes der sehr lange sehr sicher gewesen war.

„Du verstehst nicht wie lange das dauert“, sagte er. Leise, fast zu sich selbst. „Was sie vorhaben braucht—“

Er brach ab.

In diesem Moment reagierte die Rune.

Kein Licht. Kein Laut. Nur das Summen in Wolframs Jackentasche das einen Ton veränderte – tiefer, fast unter der Wahrnehmungsschwelle, weniger als einen Herzschlag lang. Dann wieder still.

Die Schatten an der Wand zogen sich zurück. Minimal. Als würde etwas den Raum verlassen das keinen Platz in ihm hatte. Götz sah es. Sagte nichts.

Erik spürte es auch. Seine Augen gingen kurz zur Seite – nicht zu Wolframs Tasche, sondern irgendwohin zwischen den Wänden, als würde er nach etwas suchen das eben noch da war.

Der Riss in seiner Fassade war jetzt sichtbar.

Wolfram betrachtete ihn. Einen langen Moment.

Dann: „Ende der Woche“, sagte er. „Das Tribunal.“

Er wandte sich ab.

Wolfram verließ die Zelle ohne ein weiteres Wort.

Götz folgte. Die Tür schloss sich hinter ihnen mit demselben gedämpften Summen wie beim Öffnen – als würde das Metall froh sein sie wieder zu haben.

Die Temperatur im Korridor war normal. Das fiel erst auf wenn man aus der Zelle heraustrat.

Wolfram ging weiter. Götz hielt seinen Schritt.

An der nächsten Zelle blieb Götz kurz stehen. Lars saß auf der Pritsche, die Arme auf den Knien, den Blick auf den Boden. Er hob den Kopf als Götz stehenblieb. Keine Feindseligkeit. Keine Angst. Nur die Ruhe eines Mannes der aufgehört hat auf etwas zu warten.

„Ihr habt mit ihm geredet“, sagte Lars.

Götz bestätigte es nicht. Bestritt es nicht.

Lars sah an ihm vorbei den Korridor hinunter, in die Richtung aus der sie gekommen waren. „Er hat euch nicht gesagt was ihr wissen wollt.“

„Nein.“

Ein kleines Lächeln. Nicht triumphierend – traurig, fast. „Er hat nie jemandem gesagt was er wirklich weiß.“ Er lehnte sich zurück. „Frag dich mal warum Wolfram ihn nicht einfach getötet hat. Von Anfang an.“

Götz sah ihn an. Einen Moment.

Dann ging er weiter.

Wolfram stand am Ende des Korridors. Er hatte nicht auf Götz gewartet – er wusste dass er kommen würde.

„Seine Männer bleiben wo sie sind“, sagte Wolfram als Götz neben ihm stand. „Bis zum Tribunal.“

Götz nickte.

Sie gingen nebeneinander durch den Korridor zurück Richtung Brücke. Das Schiff arbeitete um sie herum – Stimmen hinter Türen, das Vibrieren der Antriebe unter den Füßen, die Lüftung die hier einen halben Grad zu kalt lief wie überall.

Götz dachte an Lars‘ Frage. An die Art wie er sie gestellt hatte – nicht als Stich, sondern als echte Frage. Als würde er selbst die Antwort nicht kennen und sie vermissen.

Er ließ den Gedanken los. Lars war ein Gefangener der Verwirrung säte weil es das Einzige war was er noch konnte. Das war sein Job in dieser Zelle. Götz‘ Job war ein anderer.

„Ende der Woche“, sagte er.

„Ende der Woche“, bestätigte Wolfram.

Kein weiteres Wort zwischen ihnen bis zur Brücke.

Wolfram betrat die Brücke allein.

Er blieb an der Panoramascheibe stehen. Draußen: die Leere, die Sterne, das All das keine Antworten gab wenn man es anschaute und das er trotzdem anschaute. Seit Jahren. Immer noch.

Er dachte an Eriks Gesicht in dem Moment als die Rune reagiert hatte. Das kurze Suchen mit den Augen – nach etwas das eben noch da gewesen war und jetzt fehlte. Die Erschöpfung darunter.

Ein Mann der eine Wette gemacht hatte auf etwas das er nicht verstand. Für Männer die er verloren hatte. Für eine Welt die er hatte retten wollen.

Das machte ihn nicht weniger schuldig.

Aber es machte ihn zu etwas das Wolfram kannte. Das er schon zu oft gekannt hatte.

Er wandte sich ab.

„Kurs halten“, sagte er in den Raum. Niemand hatte gefragt. Aber es war das Richtige um diese Stille zu beenden.

Das Schiff antwortete mit dem was es immer antwortete: dem gleichmäßigen Summen seiner Systeme, dem Rhythmus seiner Antriebe, der stillen Zusicherung dass es weiterging.

Wolfram setzte sich.

Ende der Woche.

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Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.