Zurück in der Stormraven

Die Stormraven hing im Dunkeln wie ein Werkzeug das jemand weggelegt hatte ohne zu erklären warum.

Wolfram stand an der Frontscheibe und betrachtete sie. Arvid stand neben ihm – einen halben Schritt zurück, die Arme verschränkt, den Blick auf das Schiff gerichtet das seines gewesen war. Er hatte nichts gesagt seit sie den Sektor betreten hatten. Wolfram erwartete auch nichts.

„Transponder passiv“, sagte Ragnar von der Navigationsposition. „Keine automatischen Systeme aktiv. Hülle intakt, Druckverhältnisse unbekannt.“

Wolfram nickte. Das Schiff war leer – das wussten sie. Arvid hatte es in einem Zustand verlassen den niemand als geordnet bezeichnet hätte. Was er nicht gewusst hatte: wie es aussehen würde von außen. Kein Einschlag. Keine aufgerissene Sektion. Keine Spuren von dem was drin passiert war.

Das war das Merkwürdige. Man sah einer Stormraven nicht an was mit einer Stormraven passiert war.

Er hörte hinter sich das Summen. Tiefer als gewöhnlich, anders im Ton – nicht das gleichmäßige Schwingen das er kannte, sondern etwas das antwortete. Karl stand zwei Schritte hinter ihm, die Hand flach auf der Brusttasche.

„Karl.“

„Ich weiß“, sagte Karl.

Das war Antwort genug.

Wolfram wandte sich ab von der Scheibe. Sie waren hier wegen Eriks Wort – ein Logbuch, blutversiegelt, irgendwo im Inneren des Schiffes. Erik hatte es in der Brig erwähnt als wäre es eine Randnotiz. Es war keine Randnotiz. Etwas das nur Siegfried oder Karl öffnen konnten, hatte er gesagt – und dann hatte er aufgehört zu sprechen als hätte er zu viel gesagt.

Wolfram wollte wissen warum.

„Teams zusammenstellen“, sagte er. „Wir gehen rüber.“

Sie hätte geradeaus gehen können. Das Kopplungsdeck war dreißig Meter weiter, das Team wartete, die Stormraven lag querab und bewegte sich nicht. Es gab keinen operativen Grund abzubiegen.

Sie bog trotzdem ab.

Arvid hatte sie auf dem Gang eingeholt – kein Wort gesagt, einfach mitgehalten. Sie hatte ihn nicht weggeschickt.

Die Brig roch nach kalter Luft und zu langen Tagen. Erik saß auf dem Boden seiner Zelle, Rücken gegen die Wand, die Hände locker im Schoß. Als die Tür aufging hob er den Kopf ohne Verzögerung.

„Valeska“, sagte er. Kein Titel. Kein Vorwurf.

Sie blieb stehen. Arvid lehnte sich mit der Schulter in den Türrahmen, den Blick auf Erik, den Mund geschlossen.

„Das Tribunal ist morgen“, sagte Valeska.

„Ich weiß.“

„Ich gebe dir eine letzte Gelegenheit.“

Erik betrachtete sie. Sein Gesicht hatte die Ruhe eines Mannes der alle Entscheidungen bereits getroffen hatte und keine mehr treffen musste. Dann sagte er: „Das Logbuch der Stormraven.“ Sachlich, ohne Betonung. „Nicht das offizielle. Es ist blutversiegelt. Arvids Blut öffnet es – oder das eines seiner benannten Nachfolger.“ Eine kurze Pause. „Er hat zwei benannt. Siegfried. Und Karl Seidel.“

Hinter ihr veränderte sich Arvid. Nichts Sichtbares – nur eine minimale Verschiebung, das Spannen von etwas das vorher entspannt gewesen war.

„Woher weißt du das“, sagte Valeska.

„Wir wissen mehr als ihr denkt.“ Er sagte es ohne Triumph. Dann, nach einer Pause die zu lang war um beiläufig zu sein: „Ob es noch da ist – das ist eine andere Frage.“

„Was soll das bedeuten.“

Erik antwortete nicht sofort. Er sah sie an wie jemand der eine Entscheidung trifft.

„Du wirst sterben“, sagte er.

Die Stille danach hatte eine andere Qualität als die davor.

„Nicht hier. Nicht morgen.“ Seine Stimme blieb eben. Keine Grausamkeit, keine Genugtuung. „Aber du wirst sterben bevor das hier endet. Das ist keine Drohung. Ich sage es dir weil es das Einzige ist das ich dir noch geben kann.“

Valeska sah ihn an. Lange genug damit er wusste dass sie es gehört hatte. Dann:

„Ich lebe jeden Tag mit dieser Möglichkeit.“ Ihr Ton war derselbe mit dem sie Kurskorrekturen anordnete. „Jeder auf diesem Schiff tut das.“

Sie wandte sich zu Arvid. „Das bleibt hier.“

Arvid nickte einmal. Sein Gesicht zeigte nichts – aber seine Augen hatten den Ausdruck eines Mannes der gerade etwas mitgetragen hatte das er nicht ablegen konnte.

Sie sah wieder zu Erik. „Und du sagst Wolfram kein Wort.“

Erik hatte die Augen geschlossen. „Wolfram ist nicht derjenige den ich beschütze.“

Sie ließ den Satz stehen. Drehte sich um und ging.

Arvid folgte. An der Tür hielt er einen Herzschlag inne – nicht für Erik, nicht für Valeska. Für das Gewicht von etwas das er jetzt trug und nirgendwo ablegen konnte.

Dann war der Gang wieder leer.

Das Schiff roch nach abgestandener Luft und nichts anderem.

Wolfram ging durch den Hauptkorridor der Stormraven und ließ die Taschenlampe wandern. Alles an Ort und Stelle – Schränke geschlossen, Konsolen im Standby, kein umgeworfener Stuhl, kein verlorenes Werkzeug. Als hätte jemand vor dem Gehen noch aufgeräumt.

Götz ging zwei Schritte hinter ihm. „Techniksektion war sauber. Keine manuellen Eingriffe, keine Beschädigungen. Die Systeme sind einfach in den Ruhemodus gegangen.“

„Wann.“

„Sigrid schätzt – kurz nach der Evakuierung. Vielleicht gleichzeitig.“

Wolfram blieb vor der Brückentür stehen. Legte die Hand auf das Panel. Es reagierte – Notstrom, grünes Licht, die Tür glitt auf. Die Brücke dahinter lag im Halbdunkel, alle Stationen dunkel bis auf die Basisbeleuchtung.

Er trat ein. Blieb in der Mitte stehen.

Nichts.

Nicht das Nichts eines verlassenen Schiffes – das war er gewohnt, das hatte eine eigene Textur, Staub und Stille und die Überreste von Gewohnheiten. Das hier war anders. Zu gleichmäßig. Zu fertig.

Götz stellte sich neben ihn. „Kapitänskabine war dasselbe. Kein Logbuch. Weder das offizielle noch ein anderes.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich habe zweimal nachgesehen.“

„Ich weiß.“

„Wolfram.“ Götz‘ Stimme war einen Ton flacher. „Hjalmar hat mir einmal erzählt wie eine Stormraven aussieht wenn sie wirklich verlassen wird. Nach einem Evakuierungsbefehl. Er war dabei als die Njord geräumt wurde.“ Er betrachtete die Konsolen. „Er hat gesagt die Männer nehmen alles mit was nicht niet- und nagelfest ist. Bilder. Jacken. Halbvolle Tassen.“ Er machte eine kurze Pause. „Hier steht noch alles.“

Wolfram sagte nichts. Sein Blick wanderte über die Brücke – die Stationen, die leeren Stühle, einen Kaffeebecher der still auf der Navigationsablage stand als würde jemand gleich zurückkommen.

Jemand war vor ihnen hier gewesen.

Nicht um zu nehmen. Um zu entfernen was sie suchen würden.

Er wandte sich ab. „Alle Teams zurück zur Wotansklinge.“

„Das war alles?“

„Das war alles.“ Er ging zur Tür. „Der leere Fund ist der Fund.“

Der Kopplungstunnel zwischen den Schiffen war eng genug dass man hintereinander gehen musste. Wolfram ging voran, Valeska dahinter, der Rest des Teams bereits weiter voraus. Das Metall unter den Stiefeln gab ein gleichmäßiges Klingen ab.

Valeska sprach erst als der Tunnel hinter ihnen zufiel.

„Du hast uns auf ein leeres Schiff geschickt.“

„Ja.“

„Das Logbuch ist nicht da. Was immer Erik uns versprochen hat existiert entweder nicht oder ist längst weg.“ Sie ging neben ihm jetzt, der Gang breit genug für zwei. „Wir haben Zeit verloren die wir vor dem Tribunal nicht haben.“

„Wir haben nicht verloren.“ Er ging weiter ohne den Schritt zu verlangsamen. „Jemand war vor uns dort. Hat genau das entfernt was wir gesucht haben.“ Er ließ es einen Moment stehen. „Das ist eine Information.“

„Das ist eine Vermutung.“

„Eine sehr präzise.“ Er blieb vor der Verbindungsschleuse stehen, wandte sich halb zu ihr. „Das Schiff war zu sauber. Götz hat es gesehen. Du auch.“

Valeska erwiderte seinen Blick. Sagte nichts.

„Eriks Hinweis war real“, sagte Wolfram. „Er hat uns dorthin geschickt weil er wollte dass wir sehen was fehlt. Nicht was da ist.“

„Oder er hat uns geschickt weil er wusste dass nichts da ist und er uns noch eine letzte Runde führen wollte.“

„Möglich.“

Sie wartete.

„Die Rune hat reagiert“, sagte er. „Auf der Stormraven. Nicht stark – aber anders als gewöhnlich. Karl hat es gespürt bevor wir angedockt haben.“ Er sah sie an. „Das ist kein Zufall.“

„Du jagst Geistern nach.“

„Ja.“ Er öffnete die Schleuse. „Schon eine Weile.“

Sie fanden sich in der Kammer zwischen Schleuse und Hauptkorridor – ein Zwischenraum ohne Funktion, zu klein für eine Besprechung, zu abgelegen für Durchgangsverkehr. Wolfram blieb dort stehen. Nicht aus Absicht – oder vielleicht doch.

Valeska schloss die innere Tür.

„Was ist mit dir los.“

Es war keine Frage mit Fragezeichen. Es war die Art Satz den man nur zu jemandem sagt den man sehr gut kennt.

Wolfram antwortete nicht sofort. Er lehnte sich gegen die Wandverkleidung und sah sie an – nicht den ersten Offizier, nicht die strategische Beraterin. Sie.

„Nichts das ich benennen könnte.“

„Das ist keine Antwort.“

„Es ist die ehrliche.“

Valeska verschränkte die Arme. Nicht defensiv – nachdenklich. „Du hast Erik eine Woche in der Brig sitzen lassen. Du bist mit der Rune zu ihm gegangen wie mit einem Werkzeug. Du hast uns auf ein Geisterschiff geschickt auf das Wort eines Mannes hin der morgen erschossen wird.“ Sie machte eine kurze Pause. „Das bist nicht du.“

„Das bin ich sehr wohl.“

„Wolfram.“ Ihr Ton wechselte – nicht weicher, aber anders. Die Art von anders die keine Zuschauer hat. „Ich kenne dich. Seit zwanzig Jahren. Der Mann den ich kenne hätte Erik am zweiten Tag vor ein Tribunal gestellt. Hätte die Stormraven als Verlust abgehakt. Hätte–“

„Der Mann den du kennst hat noch nie ein totes Schiff gesehen das aufgeräumt war.“ Er sagte es ruhig. Keine Schärfe, keine Abwehr. Nur die Tatsache. „Er hat noch nie einen Karl Seidel gehabt. Noch nie eine Rune die von selbst reagiert. Noch nie Dinge die sich nicht einordnen lassen egal wie lange man es versucht.“

Valeska sah ihn an.

„Die Welt hat sich verändert.“ Er löste sich von der Wand. „Was wir hier tun hat sich verändert. Ich passe mich an – das ist alles.“

„Hat es mit Erik zu tun? Mit euch.“

Eine kurze Stille.

„Erik hat Entscheidungen getroffen.“ Wolframs Stimme verlor nichts, gab nichts preis. „Ich habe Entscheidungen getroffen. Das ist kein Riss der heilt.“

„Ich frage nicht nach dem Riss.“ Sie trat einen Schritt vor. Nicht viel – nur genug. „Ich frage ob er dich noch beschäftigt.“

Er sah sie an. Lang.

„Ja“, sagte er schließlich. Einfach das.

Valeska nickte einmal. Kein Triumph, kein Mitleid. Nur die Quittierung von jemandem dem eine ehrliche Antwort mehr wert ist als eine bequeme.

Sie öffnete die innere Tür.

„Morgen das Tribunal“, sagte sie.

„Ja.“

Sie gingen hinaus. Zusammen, aber jeder mit dem was er trug.

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Geisterjagd

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Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.