Geisterjagd

Der Besprechungsraum war nicht aktiviert. Kein Projektor, keine Übersicht, keine Tischbeleuchtung – nur die Grundbeleuchtung die den Raum in ein gleichmäßiges Grau tauchte. Wolfram hatte nicht gerufen. Er hatte nur gesagt wo und wann, und die beiden waren gekommen.

Siegfried lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. Karl saß. Wolfram stand.

„Erik ist kein Kanal mehr“, sagte Wolfram. „Nicht erst ab morgen. Jetzt.“ Er ließ es kurz stehen. „Was er weiß hat er uns gegeben oder er behält es. Beides nützt uns nichts mehr.“

Siegfried nickte. Keine Überraschung.

„Was bleibt ist das was wir haben.“ Wolfram sah Karl an. „Du. Und die Rune.“

Karl erwiderte den Blick. Sagte nichts.

Siegfried übernahm – nicht weil er gefragt worden wäre, sondern weil der Gedanke seit Tagen in ihm gearbeitet hatte und jetzt heraus musste. „Die Rune hat reagiert. Auf der Stormraven. In der Brig. Vor ein paar Tagen im Verhör.“ Er machte eine kurze Pause. „Jedes Mal auf etwas das außerhalb von ihr lag. Sie hat empfangen.“ Er sah Wolfram an. „Aber wenn sie empfangen kann–“

„Dann kann sie vielleicht auch senden“, sagte Wolfram.

„Das ist eine Vermutung.“

„Ja.“ Siegfried sah ihn an. „Aber es ist die einzige Vermutung die wir noch haben.“

Wolfram wandte sich zu Karl. „Was denkst du.“

Karl antwortete nicht sofort. Er saß mit beiden Händen flach auf den Oberschenkeln und sah auf einen Punkt zwischen Tisch und Wand – die Art von Blick die nach innen geht und nicht nach außen.

„Sie denken nicht wie wir“, sagte er schließlich.

Wolfram wartete.

„Was du Senden nennst–“ Karl zögerte. Nicht aus Unsicherheit, sondern als würde er nach Worten suchen für etwas das keine hatte. „Das setzt voraus dass es eine Richtung gibt. Einen Empfänger. Eine Absicht.“ Er hob kurz den Blick. „Das sind unsere Kategorien. Nicht ihre.“

„Aber sie hat reagiert“, sagte Siegfried. „Das ist auch Kontakt.“

„Ja.“ Karl ließ eine Pause entstehen. „Aber wer reagiert hat – das wissen wir nicht.“

Der Raum war still. Das Schiff arbeitete unter ihnen, das gleichmäßige Summen das immer da war und das man nur bemerkte wenn alles andere schwieg.

Wolfram betrachtete Karl. Dann Siegfried. Dann die Wand hinter beiden.

Das Tribunal war morgen. Was auch immer dieser Versuch ergab oder nicht ergab – er hatte keine andere offene Tür mehr.

„Wir versuchen es“, sagte er. „Heute Nacht. Frachtraum.“ Er sah Karl an. „Nicht als Befehl. Als Frage.“

Karl nickte einmal. Langsam, aber ohne Zögern.

„Gut“, sagte Wolfram. Das war das Ende der Besprechung.

Der Frachtraum war nie ein angenehmer Ort gewesen. Zu groß für drei Menschen, zu leer seit der Monolith den hinteren Bereich belegte, zu still auf eine Art die sich von der Stille des restlichen Schiffes unterschied. Die Basisbeleuchtung warf lange Schatten und ließ die Ecken im Dunkeln.

Der Monolith stand wo er immer gestanden hatte. Schwarz, ohne Reflexion, ohne Reaktion auf das Licht das auf ihn fiel. Die Runen an seiner Oberfläche lagen im Schatten.

Karl trat als erster ein. Wolfram und Siegfried blieben nahe der Tür.

Er stellte sich nicht vor den Monolithen – er blieb in der Mitte des Raumes stehen, zog die Rune aus der Brusttasche und hielt sie in der offenen Hand. Keine Geste, keine Haltung die etwas bedeutet hätte. Nur ein Mann der ein Objekt hält und wartet.

Nichts.

Siegfried sagte nichts. Wolfram auch nicht.

Die Zeit im Frachtraum lief anders als anderswo – das war keine Einbildung, das hatte Karl schon beim ersten Mal gespürt. Nicht langsamer, nicht schneller. Nur anders gewichtet, als hätte jeder Moment mehr Substanz als er sollte.

Dann: das Summen.

Nicht laut. Kaum hörbar – ein Ton der sich von der Grundfrequenz des Schiffes abhob wie ein einzelner Oberton aus einem Orchester. Wolfram spürte es in der Brust bevor er es hörte. Siegfried hob den Kopf.

Der Ton hielt an. Gleichmäßig, ohne Steigerung, ohne Richtung.

Und dann war er weg.

Kein Ausklang, kein Nachhall. Einfach nicht mehr da.

Karl stand noch einen Moment mit der offenen Hand. Dann schloss er die Finger um die Rune und steckte sie ein. Er wandte sich nicht sofort um.

Wolfram wartete.

„Etwas hat gehört“, sagte Karl.

Siegfried trat einen Schritt vor. „Was?“

Karl antwortete nicht sofort. Er betrachtete die Stelle in der Luft vor ihm als wäre dort noch etwas – eine Spur, ein Abdruck, etwas das sich nicht benennen ließ aber das Nachbild hinterließ.

„Das weiß ich nicht.“ Er wandte sich um. Sein Gesicht war ruhig, aber die Ruhe hatte eine Qualität die Wolfram kannte – nicht Gleichmut, sondern Kontrolle über etwas das keinen Gleichmut zuließ. „Aber es war nicht leer.“

Wolfram sah ihn an. Dann den Monolithen. Dann wieder Karl.

Das Tribunal war in wenigen Stunden. Was dieser Moment bedeutete – ob er etwas geöffnet hatte oder nur gezeigt hatte dass etwas da war das man nicht öffnen konnte – das würde sich nicht heute Nacht entscheiden.

„Gut“, sagte er.

Es war nicht gut. Aber es war was sie hatten.

Ragnar fand Wolfram auf dem Korridor zwischen Brücke und Quartieren – nicht weil er ihn gesucht hatte, sondern weil die Wotansklinge ein kleines Schiff war und man sich irgendwann immer begegnete.

„Kurz“, sagte Ragnar.

Wolfram blieb stehen.

Ragnar war kein Mann der um Worte herumging. „Ich wollte wissen wie es morgen abläuft. Das Tribunal.“

„Wie immer.“

„Es gab noch kein Tribunal auf diesem Schiff.“

Das stimmte. Wolfram sah ihn an. „Volle Besatzung. Große Messe. Ich lese die Anklagepunkte. Jeder der aussagen will kann aussagen. Dann das Urteil.“

Ragnar nickte langsam. Die Art von Nicken die keine Zustimmung bedeutete sondern das Verarbeiten einer Information.

„Und du bist sicher.“

„Ja.“

Eine kurze Stille. Ragnar lehnte sich nicht gegen die Wand, er verschränkte nicht die Arme. Er stand einfach – die Haltung eines Mannes der gelernt hatte Raum zu halten ohne ihn zu beanspruchen.

„Ich habe mit Erik trainiert“, sagte er. „Bevor er auf die Wotansklinge kam. Drei Monate auf der Valhöll. Handgemenge, Gefechtsmanöver, die üblichen Dinge.“ Er machte eine kurze Pause. „Er war gut. Besser als ich in den meisten Disziplinen. Und er hat nie darauf bestanden dass man das wusste.“

Wolfram sagte nichts.

„Ich erzähle das nicht weil es etwas ändert.“ Ragnars Stimme war eben. „Es ändert nichts. Er hat getan was er getan hat und das Tribunal ist richtig.“ Er sah Wolfram an. „Ich wollte es nur gesagt haben. Irgendwann. Bevor es vorbei ist.“

Wolfram betrachtete ihn einen Moment. Ragnar Falk – zwanzig Jahre auf verschiedenen Schiffen, immer dort wo er gebraucht wurde, nie dort wo es Aufmerksamkeit gab. Ein Mann der die Koordinaten kannte bevor jemand anderes die Frage gestellt hatte.

„Ich habe es gehört“, sagte Wolfram.

Ragnar sah ihn an – kurz, direkt, die Art von Blick der keine Antwort sucht sondern prüft ob der andere versteht. Wolfram erwiderte ihn.

Das reichte.

„Morgen dann“, sagte Ragnar. Er wandte sich ab und ging.

Wolfram stand noch einen Moment auf dem Korridor. Ein Mann der gut war und nie darauf bestanden hatte dass man es wusste.

Er kannte das Muster.

Götz ging den Korridor zur Brig nicht weil er einen Grund hatte.

Das war das Merkwürdige. Er hatte keinen Auftrag, keine Kontrolle die er hätte durchführen müssen, keine Wache die abgelöst werden wollte. Es war spät, das Schiff war ruhig, und er ging trotzdem in die Richtung die er seit Tagen mied.

Die Wachen nickten ihm zu. Er nickte zurück. Ging weiter.

Er blieb vor Eriks Zelle stehen. Die Tür war geschlossen. Dahinter Stille. Kein Sprechen, kein Schaben. Erik schlief oder tat so als würde er schlafen – beides war in Ordnung. Götz ging weiter.

Lars‘ Zelle war die letzte im Gang. Kleiner, schlechter beleuchtet. Lars saß auf der Pritsche, die Hände zwischen den Knien, den Blick auf die Tür – als hätte er gewusst dass jemand kommen würde.

Götz trat ein. Stellte sich gegen die Wand gegenüber. Sagte nichts.

Lars wartete einen Moment. Dann: „Du hast mich nicht vergessen.“

„Nein.“

„Die Frage die ich gestellt habe.“

„Ja.“

Lars lehnte den Kopf zurück gegen die Wand. Betrachtete die Decke. „Wolfram ist ein Mann der Entscheidungen trifft. Das ist sein Beruf. Sein Charakter.“ Er sprach ohne Eile – die Ruhe eines Mannes dem die Zeit nicht mehr knapp war, oder dem sie zu knapp war um sie zu verschwenden. „Ein Mann der verraten wird tötet den Verräter. Das ist nicht Rache – das ist Logik. Sauber. Konsequent.“ Er senkte den Blick auf Götz. „Erik sitzt seit Tagen in der Brig. Wolfram hat ihn besucht. Hat mit ihm geredet. Hat ihn am Leben gelassen länger als nötig.“

„Das Tribunal war der Plan“, sagte Götz. „Von Anfang an.“

„Das Tribunal.“ Lars lächelte – nicht breit, kaum sichtbar, die Art von Lächeln das keine Wärme hat. „Ein Tribunal braucht man wenn man Zeugen will. Wenn man eine Form wahren will. Wenn man sich selbst beweisen muss dass man nach Regeln handelt.“ Er machte eine kurze Pause. „Oder wenn man nicht weiß wie man einen Freund tötet.“

Götz sah ihn an. Ruhig. „Du versuchst einen Keil zu treiben.“

„Ich sage was ich sehe.“

„Du siehst was du sehen willst.“

Lars zuckte minimal mit den Schultern. „Vielleicht.“ Er ließ einen Moment vergehen. „Aber du stehst hier. Spät. Ohne Auftrag. Und hörst mir zu.“ Er sah Götz an. „Das sagt auch etwas.“

Der Gang war still. Das Schiff arbeitete unter ihnen – das Summen das immer da war, das Götz seit zwanzig Jahren kannte und das er nicht mehr hörte außer in Momenten wie diesem wo alles andere schwieg.

Götz löste sich von der Wand. „Wolfram trifft morgen eine Entscheidung wie er es immer getan hat. Nach dem was richtig ist.“ Er trat zur Tür. „Nicht nach dem was leicht ist. Das ist der Unterschied zwischen ihm und den meisten anderen Menschen.“

Er trat auf den Gang.

„Und zwischen ihm und mir?“ sagte Lars hinter ihm.

Götz blieb einen Herzschlag stehen. Ohne sich umzudrehen.

„Das weißt du selbst“, sagte er.

Er ging. Den Korridor zurück, an Eriks Tür vorbei, durch die Schleuse in den Hauptgang. Die Frage hinter ihm – nicht vergiftet, nicht aufgelöst. Nur da.

Morgen würde das Tribunal die meisten offenen Dinge schließen.

Nicht alle.

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Das Tribunal

Wolfram zog die Uniform an wie er es immer tat. Kragen geschlossen, jede Naht an ihrem Platz, die Orden in…

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.