Das Tribunal

Wolfram zog die Uniform an wie er es immer tat. Kragen geschlossen, jede Naht an ihrem Platz, die Orden in der richtigen Reihenfolge. Kein Spiegel – er brauchte keinen. Zwanzig Jahre hatten das zur Körpererinnerung gemacht.

Er stand einen Moment still bevor er die Kabinentür öffnete.

Nicht aus Zögern. Aus dem Wissen dass danach etwas abgeschlossen sein würde das nie wirklich offen hätte sein sollen.

Die große Messe fasste die gesamte Besatzung wenn alle standen. Sie standen alle. Keine Anordnung war nötig gewesen – auf der Wotansklinge sprach sich alles herum, und jeder wusste seit Tagen was heute kam. Sie hatten sich selbst aufgestellt, in Reihen, mit dem Abstand von Menschen die Haltung halten wollen ohne dass man ihnen sagt wie.

Wolfram trat ein. Niemand sprach.

Er ging durch den Mittelgang nach vorn. Links und rechts die Gesichter der Besatzung – Sigrid Haas, die Augen geradeaus. Magnus Jotunsson, die Arme hinter dem Rücken. Stark, der ihn kurz ansah und dann wegschaute. Ragnar, der nicht wegschaute.

Valeska stand vorn rechts. Sie sah ihn kommen. Ihr Gesicht zeigte nichts – das war ihr Beitrag zu diesem Moment, und es war der richtige.

Götz stand links. Er nickte einmal als Wolfram an ihm vorbeiging.

Am Ende des Ganges: ein Tisch. Dahinter Wolfram. Davor, mit dem Rücken zu ihm, zwei Wachen. Und zwischen ihnen: Erik Dahl. Gefesselt. Aufrecht.

Lars neben ihm. Und die anderen – vier Männer deren Namen die meisten in dieser Messe nie gewusst hatten.

Wolfram trat hinter den Tisch. Blieb stehen.

„Wir beginnen“, sagte er.

Er las die Anklagepunkte ohne Kommentar.

Verrat an der Mission. Zusammenarbeit mit feindlichen Kräften. Sabotage an Bord. Gefährdung der Besatzung. Verluste. Jeder Punkt einzeln, jeder Punkt mit Datum und Ort soweit bekannt. Die Stille in der Messe veränderte sich nicht während er las – sie hatte von Anfang an das Gewicht gehabt das solche Stille hat, und es blieb wo es war.

Als er fertig war legte er das Dokument auf den Tisch.

„Gibt es Aussagen.“

Eine kurze Pause. Dann trat Karl vor.

Er trat nicht ans Podium – es gab keins. Er trat einen Schritt aus der Reihe heraus und wandte sich halb zur Besatzung, halb zu Erik. Die Rune lag in seiner Brusttasche. Man sah sie nicht. Man spürte sie auch nicht – heute nicht, in diesem Moment, als hätte sie beschlossen zu schweigen.

„Ich habe Erik Dahl nicht lange gekannt“, sagte Karl. Ruhig, ohne Ankündigung. „Ich kenne seine Geschichte nicht vollständig.“ Er machte eine kurze Pause. „Aber ich erkenne was in einem Menschen ist wenn er vor mir steht.“ Er sah Erik an. „Er hat nicht gehandelt aus Feigheit. Nicht aus Gier. Nicht aus Hass auf das was wir tun.“ Er ließ einen Moment vergehen. „Er hat gehandelt weil er an etwas geglaubt hat. Tief und ohne Vorbehalt. Das ist keine Entschuldigung. Es ist keine Milderung.“ Eine kurze Pause. „Es ist was es ist: ein Mann der das Falsche getan hat weil er an das Richtige geglaubt hat.“

Niemand in der Messe bewegte sich.

„Das macht ihn schuldig“, sagte Karl. „Es macht ihn nicht zu etwas das ich nicht verstehe.“

Er trat zurück in die Reihe.

Wolfram wartete noch einen Moment. Niemand sonst trat vor.

Er sah auf das Dokument vor ihm. Dann auf Erik.

„Erik Dahl. Lars Bergström. Und die vier Männer die mit ihnen gehandelt haben.“ Er nannte jeden Namen einzeln. Dann legte er das Dokument auf den Tisch.

„Das Urteil lautet: Tod durch Erschießen. Vollstreckung heute.“

Er ließ einen Moment vergehen. Die Stille in der Messe hielt.

Was er dann sagte kam nicht aus dem Dokument. Es kam langsamer, mit dem leichten Zögern eines Mannes der abwägt ob er es sagen soll und entscheidet dass er es muss.

„Ich hätte es mir anders gewünscht.“

Nicht für die Messe. Nicht als Erklärung. Einfach – gesagt.

Erik sah ihn an. Dann nickte er. Einmal, minimal, die Haltung eines Mannes der etwas empfängt das er nicht erwartet hatte und das er trotzdem kennt.

Der Bogen zwischen ihnen schloss sich ohne Geräusch.

„Gibt es letzte Worte.“

Erik trat einen Schritt vor. Die Wachen ließen es zu – es gab nichts mehr das man verhindern musste.

Er sah nicht in die Menge. Er sah zu Karl.

„Die Rune“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, ohne Pathos, die Stimme eines Mannes der einen letzten Satz mit Bedacht gewählt hat. „Ihr denkt sie ist ein Schlüssel.“ Er machte eine kurze Pause. „Sie ist kein Schlüssel. Sie ist ein Wecker.“

Niemand sprach.

„Und er wurde gerade geklingelt.“

Die Stille danach war eine andere. Nicht schwerer – anders geformt, als hätte der Satz den Raum neu vermessen.

Karl trat einen halben Schritt vor. Nicht viel – nur genug damit Erik ihn sah.

„Das ist Ablenkung“, sagte Karl. Ruhig, ohne Schärfe. „Ein letzter Versuch Unsicherheit zu pflanzen. Das ist menschlich.“ Er sah Erik an. „Es ändert nichts.“

Erik erwiderte seinen Blick. Lange. Kein Widerspruch, kein Lächeln, keine Genugtuung. Nur der Blick eines Mannes der gesagt hat was er sagen wollte und jetzt wartet.

Dann wandte er sich ab. Zurück zur Haltung. Schultern gerade, Kinn leicht gehoben – nicht Trotz, nicht Performance. Einfach die Art wie er immer gestanden hatte.

Wolfram sah Karl an.

Karls Gesicht war ruhig. Seine Hand lag flach an der Seite – nicht auf der Brusttasche, nicht greifend. Nur da.

Ob er recht hatte oder nicht würde sich nicht in diesem Raum entscheiden.

„Vollstreckung“, sagte Wolfram.

Sie führten sie nach draußen.

Nicht weit – der hintere Hangar, der einzige Raum auf der Wotansklinge der groß genug war und dessen Wände das aushielten was folgen würde. Die Besatzung blieb in der Messe. Nur die Wachen, Wolfram, Götz. Und Valeska, die niemand weggeschickt hatte und die nicht gegangen war.

Der Hangar war kalt. Die Beleuchtung gleichmäßig, ohne Schatten, die Art von Licht das nichts verbirgt und nichts betont.

Erik und seine Männer wurden aufgestellt. Sechs Männer, eine Reihe, der Rücken zur Wand. Erik in der Mitte. Lars rechts von ihm. Die anderen vier deren Namen Wolfram einzeln genannt hatte und die jetzt schwiegen.

Die Wachen traten zurück.

Wolfram stand. Götz neben ihm, einen halben Schritt zurück.

Erik sah geradeaus. Nicht zu Wolfram, nicht zur Decke, nicht ins Nichts. Geradeaus, als gäbe es dort etwas das nur er sehen konnte.

Wolfram hob die Hand.

Senkte sie.

Der Hangar schluckte das Geräusch nicht. Er warf es zurück.

Dann war es still.

Wolfram stand noch einen Moment. Die sechs Männer an der Wand. Erik der zuletzt gefallen war oder zuerst – das ließ sich von hier aus nicht sagen und es spielte keine Rolle.

Er wandte sich ab.

Valeska ging mit ihm. Sie sagte nichts. Er auch nicht.

Der Gang dahinter war derselbe wie immer. Das Schiff arbeitete. Die Wotansklinge fuhr weiter.

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.