Die Sprache der Erinnerung

Die Brücke arbeitete.

Das war das Erste was Wolfram wahrnahm als er von unten kam – nicht Stille, nicht Chaos, Arbeit. Ragnar an seiner Konsole, die Hände auf Tastaturen die ihm keine Antworten gaben aber die er trotzdem bediente. Sigrid an ihrer Station, den Kopf leicht geneigt, das Gehör eines Menschen der etwas sucht das noch kein Format hat. Götz der an der hinteren Wand stand und den Raum hielt wie er es immer tat – nicht weil er einen Befehl hatte, weil er nicht anders konnte.

Valeska stand an der Frontscheibe.

Sie hatte den Dolch nicht mehr in der Hand. Er hing wieder an der Hüfte – zurückgesteckt, nicht vergessen. Sie sah hinaus auf das was draußen war und ihr Rücken hatte die Haltung einer Frau die sich nicht erlaubt wegzusehen.

Wolfram trat neben sie. Karl und Siegfried folgten.

Niemand fragte was im Frachtraum passiert war. Sie wussten es – nicht durch Worte, durch den Umstand dass Arvid nicht mit ihnen heraufgekommen war und dass die drei die heraufkamen das Gesicht von Menschen hatten die einen Preis bezahlt haben und damit fertig sind.

Das Schweigen hatte die Form eines Einverständnisses.

„Wie lange stehen wir“, sagte Wolfram.

„Seit dem Sprung.“ Ragnar sah nicht auf. „Ich kann keine Zeit messen. Keine Referenz.“

Wolfram nickte. Er ließ seinen Blick durch die Brücke gehen – von Gesicht zu Gesicht, die kurze Inventur eines Mannes der den Zustand seiner Crew liest wie andere einen Bordbericht lesen. Was er sah: funktionsfähig. Angespannt. Und an den Rändern – Lücken.

Nicht sichtbar. Spürbar. Das Zögern von jemandem der einen Satz beginnt und nicht mehr weiß womit er enden soll. Das kurze Innehalten von Götz der seinen Blick auf einen Punkt in der Mitte des Raumes gerichtet hatte der nichts enthielt. Ragnars Hände die kurz aufgehört hatten zu tippen und die Stille der Konsole angestarrt hatten als wäre dort etwas das er hätte lesen müssen.

Karl stand hinter Wolfram und sah dasselbe.

„Es wird schlimmer“, sagte er. Leise, für Wolfram. „Das Vergessen arbeitet nicht wie eine Wunde. Es arbeitet wie Rost.“ Er machte eine Pause. „Langsam. Und von innen.“

Wolfram sah ihn an.

„Wie viel Zeit haben wir.“

„Nicht viel.“

Das war die ehrlichste Antwort. Wolfram akzeptierte sie als das.

Er trat in die Mitte der Brücke.

„Hört zu.“

Die Arbeit hörte auf. Nicht auf Befehl – auf die Stimme. Den Ton der sagte dass jetzt etwas kam das zählte.

„Was wir verloren haben werden wir zurückholen.“ Er ließ einen Moment vergehen. „Karl erklärt wie. Ihr tut was er sagt.“ Ein kurzer Blick in die Runde. „Das ist kein Vorschlag.“

Niemand widersprach.

Götz hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er sah Karl an – nicht misstrauisch, nicht abwartend. Mit dem Blick eines Mannes der eine Aufgabe annimmt weil er muss und weil er will, und weil der Unterschied zwischen beidem gerade keine Rolle spielt.

Karl brauchte drei Dinge.

Er sagte es ohne Einleitung, ohne Erklärung warum bevor er erklärte was – die direkte Sprache eines Mannes der keine Zeit für Vorbereitung hat und weiß dass seine Zuhörer sie auch nicht brauchen.

„Asche. Blut. Etwas das ihr mit euren Händen kennt.“

Stille.

„Das letzte zuerst.“ Er sah in die Runde. „Jeder von euch trägt etwas. Nicht in den Taschen – in den Händen. Etwas das ihr so oft gehalten habt dass eure Hände wissen wie es sich anfühlt bevor der Kopf es weiß.“ Er machte eine kurze Pause. „Das Vergessen arbeitet oben. In den Schichten wo Sprache sitzt, wo Namen sitzen, wo Gesichter sitzen.“ Er berührte kurz seine Schläfe. „Aber die Hände erinnern sich tiefer. Das ist älter als Sprache. Das ist älter als alles was es hier draußen gibt.“

Götz sah auf seine Hände. Kurz, fast unbewusst.

„Der Mechanismus ist einfach“, sagte Karl. „Physische Erinnerung schlägt erzwungenes Vergessen. Was eure Hände wissen kann niemand nehmen – nicht weil es geschützt ist, sondern weil es zu tief sitzt um erreicht zu werden.“ Er sah Wolfram an. „Das ist die Lücke im System.“

„Und die Dagaz-Rune“, sagte Siegfried.

Karl nickte. „Der Durchbruch. Der Übergang zwischen dem was war und dem was kommt.“ Er zog aus der Innentasche seines Jacketts ein kleines Stück Kohle – nicht Werkzeug, nicht Waffe, das abgenutzte Ende von etwas das lange in einer Tasche gelegen hatte. „Ich zeichne sie. Auf den Boden, in die Mitte. Jeder steht darum.“ Er sah die Runde an. „Die Asche kommt vom Schiff – Götz, die Verbrennungskammer des hinteren Triebwerks. Frische Asche, nicht alte.“

Götz war schon gegangen bevor Karl den Satz beendet hatte.

„Das Blut“, sagte Valeska.

„Wenig. Jeder selbst.“ Karls Stimme blieb eben. „Nicht für die Rune. Für die Verbindung. Das Vergessen hat euch von dem was ihr kennt getrennt – das Blut ist die Absichtserklärung dass ihr zurückwollt.“ Er sah sie an. „Das ist der einzige Teil der nicht funktioniert wenn ihr ihn nicht wollt.“

Valeska erwiderte seinen Blick. Sagte nichts. Das war Einverständnis.

Wolfram stand mit dem Rücken zur Frontscheibe und sah Karl zu. Er sah einen Mann der das was er tat nicht aus Büchern kannte und nicht aus Ausbildung – der es kannte weil er dort gewesen war wo diese Dinge Sprache haben. Das war der einzige Grund warum er ihm vertraute. Nicht Vertrauen in Karl. Vertrauen in das Wissen das Karl aus einem Ort mitgebracht hatte dem gegenüber alle anderen hier Fremde waren.

„Wie lange dauert es“, sagte Ragnar von seiner Konsole.

„Das weiß ich nicht.“ Karl kniete nieder und begann mit der Kohle auf dem Boden der Brücke zu zeichnen. Acht Linien, vier Richtungen, das Muster eines Übergangs. „Jeder kommt in seinem eigenen Tempo zurück.“ Er sah nicht auf während er zeichnete. „Greift nicht danach. Lasst es kommen.“

Die Dagaz-Rune auf dem Boden der Brücke der Wotansklinge. Neben dem Vegvisir den Karl in der Tasche trug – ein Wegweiser. Und jetzt das: ein Durchbruch.

Zwei Runen. Zwei Hälften desselben Weges.

Götz kam zurück. Er hatte eine kleine Metalldose in der Hand – er hatte sie irgendwo aufgetrieben, keine Frage wie, das war Götz. Die Asche darin war noch warm.

Karl stand auf. Er sah in die Runde.

„Dann fangen wir an.“

Sie standen im Kreis um die Dagaz-Rune.

Nicht auf Anweisung – die Formation hatte sich von selbst ergeben, die Art wie Menschen sich um etwas stellen das Gewicht hat. Karl stand außerhalb des Kreises. Er war nicht Teil des Rituals. Er war der Grund warum es möglich war.

Die Asche lag in der Mitte neben der Rune. Das Blut kam zuerst – jeder selbst, wenig, die kleine Klinge die Götz ausgeteilt hatte ohne Kommentar. Keine Zeremonie darum. Nur das Tun.

Dann die Stille die danach kam.

Valeska griff an die linke Hüfte.

Der Dolch lag in ihrer Hand bevor sie entschieden hatte ihn zu ziehen – die Hände die das schon tausendmal gemacht hatten ohne dass der Kopf dabei war. Sie hielt ihn wie sie ihn immer gehalten hatte. Daumen auf dem Rücken der Klinge, die anderen Finger um den Griff, eine leichte Rotation nach innen die sie nie hatte erklären können und die trotzdem immer stimmte.

Jemand hatte ihr das gezeigt.

Sie wusste es nicht mehr durch den Namen, nicht durch das Gesicht. Aber ihre Hände wussten es durch jeden Moment in dem diese Hände geführt worden waren – geduldige Korrekturen, wieder und wieder, die Überzeugung des anderen dass sie es lernen würde auch wenn sie selbst zweifelte.

Die Gravur auf der Klinge.

Sie fuhr mit dem Daumen darüber. Die Kerben des Metalls, die vertraute Reihenfolge der Linien – und in diesem Moment, aus den Händen herauf, ein Gesicht. Kein Name. Nur das Gesicht. Nur die Augen die sie angesehen hatten wie jemand der weiß dass das was er sieht mehr wert ist als was er sagen könnte.

Valeska stand sehr still.

Sie ließ den Daumen auf der Gravur.

Götz öffnete die rechte Brusttasche.

Er zog eine Pfeife heraus. Zerbrochen – der Stiel in zwei Teilen, sauber gebrochen an einem Punkt der nicht mehr zusammengefügt worden war. Er hatte die Teile trotzdem behalten. Er hätte nicht sagen können warum. Er hätte nicht sagen können seit wann.

Er hielt den Pfeifenkopf in der linken Hand und den Stiel in der rechten.

Die Hände wussten das Gewicht. Die leichte Unwucht des Kopfes, das glatte Holz des Stiels das an einer Stelle rauer war weil dort immer dieselbe Hand gelegen hatte – nicht seine. Eine andere Hand, kleiner, die Schleifspuren von jemandem der die Pfeife gemacht hatte und dabei nicht ganz sauber gearbeitet hatte weil er noch gelernt hatte.

Hjalmars Staffel.

Der Name auf der Liste. Und jetzt – langsam, aus den Händen herauf – das Gesicht dazu. Ein junger Mann der zu groß für seinen eigenen Körper gewesen war. Der gelacht hatte wie jemand der nicht aufgehört hatte zu üben und es auch nie versucht hatte im Zaum zu halten. Der diese Pfeife gemacht hatte aus einem Stück Holz das er aus irgendeinem Hafen mitgebracht hatte und der sie Götz gegeben hatte ohne viel Aufhebens darum.

Götz schloss die Finger um beide Teile.

Er sagte nichts. Er musste nichts sagen.

Stark stand am äußeren Rand des Kreises.

Er hatte die Hände in den Taschen gehabt als das Ritual begann – die Haltung eines Mannes der dabei ist ohne dabei zu sein. Dann hatte Karl ihn angesehen. Nur angesehen. Stark hatte die Hände aus den Taschen genommen.

Jetzt stand er mit leeren Händen vor der Rune.

Er dachte an die Delle.

Nicht: er sah die Delle vor sich, nicht: er erinnerte sich an sie. Er dachte an sie wie man an eine Stelle im Körper denkt die wehtut – direkt, unwillkürlich, das Wissen von etwas das da ist bevor der Gedanke formuliert ist. Die Delle links neben dem Hauptregler. Das Metall das kalt war als er die Hand daraufgelegt hatte.

Er hätte jetzt gern den Antriebssektor unter sich gehabt.

Die Konsole. Die Delle.

Stattdessen stand er hier oben mit leeren Händen – und dann merkte er dass das nicht stimmte. Seine linke Hand hatte sich geschlossen. Nicht um etwas das er hielt. Um etwas das nicht da war aber da gewesen war – das Gewicht eines Werkzeugs das er so oft benutzt hatte dass seine Hand es noch kannte ohne es zu halten.

Ein Schraubenschlüssel. Bestimmte Größe, bestimmtes Gewicht, der Griff leicht abgenutzt auf der linken Seite weil der der ihn zuerst besessen hatte Linkshänder gewesen war.

Nicht sein Werkzeug. Eines das ihm gegeben worden war.

Von jemandem der gesagt hatte: der gehört dir jetzt. Ohne Erklärung. Ohne Anlass. Einfach so.

Starks Hand hielt die Luft fest als wäre sie nicht Luft.

Siegfried stand und wusste nicht was er halten sollte.

Er hatte keine Pfeife, keinen Dolch, kein Werkzeug mit Geschichte. Er war fünfundzwanzig und die meisten Dinge die er besaß hatte er seit der Akademie – sauber, unpersönlich, die Ausrüstung eines Mannes der noch nicht lang genug irgendwo gewesen war um Spuren darin zu hinterlassen.

Er sah auf seine Hände.

Dann schloss er die Augen.

Nicht aus Konzentration. Aus dem Instinkt von jemandem der wenn er nicht sehen kann besser hört – und Siegfried hörte nicht mit den Ohren. Er hatte es nie getan. Er hörte mit dem was die VRIL-Male in seiner Haut seit Jahren zu lesen gelernt hatten.

Das Schiff.

Nicht der Ton. Die Frequenz darunter – das was unter dem Summen lag und das er als Kind noch für Einbildung gehalten hatte. Der Takt des Thule Tachyonators, das Atmen der Kraftstrahlkanonen im Ruhezustand, die ganz leise Eigenresonanz des Rumpfes die sich veränderte je nachdem wie viele Menschen wo an Bord waren und was sie gerade taten.

Er kannte diese Frequenz seit seinem ersten Tag auf der Wotansklinge.

Seit seinem ersten Tag. Bevor er wusste was VRIL war, bevor er die Male verstand, bevor er irgendetwas verstand – die Frequenz des Schiffes war das Erste gewesen das er erkannt hatte. Als wäre es nach Hause kommen ohne je vorher dort gewesen zu sein.

Jemand hatte ihm das erklärt.

Die Erinnerung kam nicht als Bild. Sie kam als Stimme – eine Stimme die er kannte durch die Art wie sie Pausen setzte, durch das Gewicht das bestimmte Worte in ihr hatten, durch den Ton eines Menschen der erklärt weil er will dass der andere versteht und nicht weil er zeigen will dass er selbst es weiß.

Siegfried öffnete die Augen.

Die VRIL-Male an seinen Unterarmen leuchteten schwach. Nicht das Flackern aus alten Gefechten. Das ruhige, gleichmäßige Licht von etwas das erkannt hat wo es ist.

Wolfram stand als Letzter.

Er hatte die anderen angesehen. Er hatte gesehen was ihre Hände taten und was ihre Gesichter danach hatten – nicht Erleichterung, etwas das tiefer saß. Das Gesicht von Menschen die etwas zurückbekommen haben das sie nicht wussten dass es weg war.

Er streckte die Hand aus.

Zur Seite. Nicht nach vorn, nicht nach oben – zur Seite, auf Schulterhöhe, die natürliche Geste von jemandem der nach etwas greift das neben ihm ist. Neben ihm stand niemand.

Der Platz war leer.

Seine Hand blieb in der Luft – nicht zitternd, nicht suchend. Ruhig, offen, mit der Geduld von jemandem der wartet. Als würde er wissen dass das was er sucht noch kommt wenn er nur lange genug wartet.

Es kam nicht.

Der Platz blieb leer.

Wolfram ließ die Hand sinken.

Er sagte nichts. Sein Gesicht zeigte nichts – nicht Schmerz, nicht Verlust, die vollständige Kontrolle eines Mannes der gelernt hat dass manche Dinge nicht zurückkommen und der damit fertig ist auf die einzige Art die ihm zur Verfügung steht: indem er weitergeht.

Karl sah ihn an.

Wolfram erwiderte den Blick. Schüttelte einmal, unmerklich, den Kopf.

Nicht jetzt.

Karl sah sie zuerst.

Er hatte gewusst dass sie kommen würden – nicht als Überraschung, als Konsequenz. Das Ritual öffnete keine Tür. Es dünnte eine Wand. Und durch dünne Wände drang Licht.

Er sagte nichts.

Valeska spürte es an der Hand.

Nicht am Dolch – an der Hand die den Dolch hielt. Eine Wärme die nicht vom Metall kam, von der Seite, als würde jemand neben ihr stehen und die Haltung ihres Handgelenks korrigieren. Die geduldige Berührung von jemandem der es zum letzten Mal zeigt weil er weiß dass sie es jetzt kann.

Sie sah nicht hin.

Sie wusste wenn sie hinsähe wäre es weg.

Götz sah ihn.

Nicht klar – am Rand. Die Andeutung von jemandem der groß gewesen war und der stand wie junge Männer stehen die noch nicht wissen wohin mit ihrer eigenen Größe. Ein Grinsen das er nicht im Zaum halten konnte und das er auch nie versucht hatte im Zaum zu halten.

Er hielt die zwei Teile der Pfeife fester.

Der Schemen nickte einmal. Nicht als Abschied. Als Bestätigung.

Dann war er an der Stelle wo das Licht aufhörte.

Stark sah nichts.

Er hielt die Luft fest und spürte das Gewicht das nicht da war und er sah nichts. Aber er hörte – einen Schritt, einmal, die Art von Schritt die er an einem Mann erkannt hätte unter hundert anderen Schritten weil dieser Mann immer mit zu viel Gewicht auf der linken Seite gegangen war und es nie hatte ändern wollen weil er der Meinung gewesen war das ginge niemanden etwas an.

Der Schritt kam näher.

Blieb stehen.

Stark schluckte einmal.

Dann nichts mehr.

Siegfried hörte die Stimme nicht wieder.

Aber die VRIL-Male an seinen Unterarmen pulsierten einmal – kurz, warm, die Frequenz des Schiffes für einen Moment lauter als sonst. Als würde jemand es von außen anstoßen. Als würde jemand sagen: hörst du es? Hörst du es jetzt?

Er hörte es.

Wolframs Platz blieb leer.

Er stand und sah was die anderen hatten und hielt die Seite neben sich offen – die Hand nicht mehr ausgestreckt, aber der Platz noch da, bewusst freigehalten, die Geste von jemandem der nicht aufhört zu warten auch wenn er aufgehört hat zu suchen.

Nichts kam.

Karl sah ihn an. Sah den leeren Platz. Sah Wolframs Gesicht.

Er wandte den Blick ab.

Arvid kam zuletzt.

Nicht als Schemen zu einem Einzelnen – er gehörte keinem und allen. Er stand in der Mitte des Kreises, neben der Dagaz-Rune, neben der Asche, an dem Ort der für das Ritual gemacht worden war und der deswegen auch für ihn gemacht worden war.

Er sah aus wie er immer ausgesehen hatte. Keine Wunde, kein Gewicht – nur der Mann der er gewesen war. Aufrecht, nüchtern, die Haltung von jemandem dem nichts mehr zu erklären ist.

Er sah einmal in die Runde.

Kein Lächeln. Keine Geste. Nur der Blick eines Mannes der sicherstellt dass alle stehen bevor er geht.

Dann war er bei dem Schemen der auf ihn gewartet hatte.

Und dann war er weg.

Die Dagaz-Rune auf dem Boden der Brücke leuchtete einmal, schwach, das Licht von etwas das seinen Auftrag erfüllt hat.

Dann war sie wieder Kohle auf Metall.

Die Stille danach war anders als die Stille davor.

Vorher: die Stille von Menschen die nicht wussten was ihnen fehlte. Jetzt: die Stille von Menschen die es wissen.

Valeska stand mit dem Dolch in der Hand und sah auf die Gravur. Sie kannte das Gesicht jetzt. Nicht den Namen – den Namen hatte das Vergessen genommen und nicht zurückgegeben. Aber das Gesicht war da, vollständig, mit allem was dazugehörte. Die Art wie dieser Mensch sie angesehen hatte. Die Geduld. Das Wissen in den Augen von jemandem der eine lange Zeit gehabt hatte um zu verstehen was zählte.

Sie steckte den Dolch zurück.

Götz stand mit der zerbrochenen Pfeife und sagte nichts. Sein Gesicht hatte nicht geweint und würde nicht weinen – das war nicht seine Sprache. Aber seine Hände hielten die zwei Teile so als wären sie eins, als hätte der Bruch nie stattgefunden, und das war seine Sprache.

Stark hatte die Hände wieder in den Taschen. Er sah zur Decke – nicht weil dort etwas war, weil das die Richtung war in der der Antriebssektor lag. Tief unter ihnen die Delle im Metall. Er würde später hinuntergehen. Er würde die Hand darauflegen. Das war alles was er brauchte.

Siegfried stand still. Die VRIL-Male an seinen Unterarmen waren erloschen – nicht erloschen wie nach einem Gefecht, erschöpft und dunkel. Erloschen wie nach Hause kommen. Ruhig. Satt.

Die Lücken hatten sich geschlossen.

Die meisten.

Wolfram merkte es als Letzter – oder er merkte es nicht, sondern es merkte sich selbst in ihm, ohne Ankündigung: die Verbindungen die das Vergessen durchtrennt hatte waren zurück. Die Namen, die Gesichter, die Geschichte dieser Crew, zwanzig Jahre auf demselben Schiff – alles saß wieder wo es saß.

Alles außer einem.

Er sah Valeska an.

Sie sah ihn an.

Zwischen ihnen kein Wort – sie wussten beide was das andere Gesicht gerade tat. Die Augen die nach jemandem suchen und den leeren Platz finden und dann aufhören zu suchen weil der Platz leer bleibt.

Nicht weil das Vergessen ihn genommen hatte.

Weil Arvid wirklich weg war.

Das war der Unterschied. Das war der Moment wo der Unterschied ankam – nicht als neue Information, als Gewicht. Das Wissen das man im Körper trägt bevor der Kopf es fasst, die Schwere die sich in den Schultern absetzt und in der Brust und die keine Sprache hat weil sie keine braucht.

Valeska hatte ihn auf dem Weg in den Frachtraum gehen sehen. Sie hatte gewusst. Sie hatte ihm nichts gesagt und er hatte ihr nichts gesagt und zwischen ihnen war der stille Vertrag von zwei Menschen die beide wissen dass es Momente gibt wo Worte das Falsche sind.

Götz hatte dasselbe gewusst. Er hatte in die andere Richtung gesehen als Arvid an ihm vorbeigekommen war. Das war sein Abschied gewesen – einem Mann den Rücken zeigen damit er gehen kann ohne sich umzusehen.

Jetzt standen sie beide mit diesem Wissen das vorher durch das Vergessen gedämpft worden war und das jetzt keine Dämpfung mehr hatte.

Die Wut kam nicht laut.

Sie kam wie alles Ernste kommt – leise, von unten, mit der Gewissheit von etwas das schon eine Weile da gewesen war und jetzt aufgehört hatte zu warten bis jemand es bemerkte. Wolfram spürte sie in den Händen zuerst. Dann in der Brust. Dann überall.

Nicht auf Arvid. Nicht auf den Preis den Arvid bewusst bezahlt hatte – das war seine Entscheidung gewesen und Wolfram hatte sie respektiert im Moment wo sie fiel und er würde sie für immer respektieren.

Die Wut war auf das was den Preis verlangt hatte.

Auf das was draußen war und gewartet hatte und seine Mechanismen benutzt hatte wie Werkzeuge und die Crew wie Material. Auf das was Eriks Gesicht getragen hatte wie einen Mantel vom Boden. Auf das was seit Helheim an ihnen gezogen hatte – seit der Stormraven, seit dem ersten Moment wo die Rune reagiert hatte – genommen hatte und geformt hatte ohne dass sie es gewusst hatten.

Er kannte die Wut. Er wusste was man damit macht.

Man arbeitet.

„Karl.“

Karl sah ihn an.

„Was weiß es über uns.“

Karl schwieg einen Moment. „Alles was es genommen hat. Jeden Namen, jedes Gesicht, jeden Moment den es als Brennstoff benutzt hat.“ Er machte eine Pause. „Es kennt uns besser als wir uns selbst kannten.“

„Dann haben wir einen Vorteil.“

Karl sah ihn an.

„Wir kennen jetzt den Preis“, sagte Wolfram. „Es dachte das macht uns kleiner.“ Er sah zur Frontscheibe, hinaus auf das was draußen wartete. „Das war ein Fehler.“

Es begann draußen.

Kein Ton – die Wotansklinge war hermetisch, die Vakuumisolierung der Außenhülle ließ nichts durch was Schall war. Aber auf Sigrids Anzeige schlug die Kurve aus. Nicht der rhythmische Puls den sie seit der Ankunft beobachtet hatte – das hier war unregelmäßig, abgehackt, die Signatur von etwas das seine Kontrolle verloren hatte.

„Kommandant.“

Wolfram trat zu ihr.

Die Kurve auf dem Display war nicht mehr geduldig. Sie zuckte – zu hoch, zu tief, ohne das Muster das sie seit Stunden gezeigt hatte. Als würde etwas das sehr lange sehr ruhig gewesen war plötzlich aufhören ruhig zu sein.

„Seit wann.“

„Seit dem Ritual.“ Sigrid sah ihn an. „Exakt seit dem Moment wo die Rune erloschen ist.“

Wolfram betrachtete die Kurve. Er kannte Signaturen – zwanzig Jahre hatten ihm das Lesen von Anzeigen in Fleisch und Blut eingeschrieben. Das hier las sich nicht wie ein System das angreift. Es las sich wie ein System das reagiert.

Auf etwas das nicht eingetreten war.

„Es hat auf das Vergessen gezählt“, sagte Karl hinter ihm.

Wolfram wandte sich nicht um. „Erklär.“

„Das Vergessen war kein Nebeneffekt des Sprungs.“ Karl trat neben ihn, sah auf die Anzeige. „Es war der Plan. Eine Crew die sich nicht vollständig erinnert ist eine Crew die nicht vollständig funktioniert. Keine gemeinsame Geschichte, keine Kohärenz, keine Schlagkraft. Wir sollten ankommen und mehr mit uns beschäftigt sein als mit dem was kommt.“

„Und jetzt sind wir es nicht.“

„Nein.“

Die Kurve auf dem Display zuckte weiter. Wolfram sah sie an und dachte an einen Gegner der einen Zug berechnet hat und dessen Zug nicht greift. Die Sekunde danach. Die Neuberechnung die noch nicht abgeschlossen ist.

Das war das Fenster.

Er wandte sich ab von Sigrids Station. Sah in die Runde – die Crew der Wotansklinge, vollständig, jeder an seinem Platz. Valeska an der Frontscheibe mit dem Rücken zu ihm. Götz der die zerbrochene Pfeife in die Tasche gesteckt hatte und jetzt stand wie er immer stand – als würde der Raum sich nach ihm richten. Ragnar an der Konsole, die Finger wieder in Bewegung, Navigator der navigiert weil er navigiert. Stark fehlte noch – er würde unten sein, im Antriebssektor, die Hand auf der Delle. Siegfried neben Karl, die VRIL-Male still, das Gesicht eines jungen Mannes der gerade älter geworden war ohne dass es ihn kleiner gemacht hatte.

Dann veränderte sich das Schiff.

Wolfram spürte es bevor er es hörte – unter den Stiefeln, im Boden, im Rumpf, überall gleichzeitig. Nicht das Summen das er kannte. Nicht das veränderte Klingen aus dem Sprung. Etwas das er in zwanzig Jahren nie gehört hatte und das er trotzdem sofort erkannte.

Das Schiff sang.

Nicht laut. Nicht hell. Tief und voll und mit der Resonanz von etwas das lange gewartet hatte bis alle die es tragen sollte wieder vollständig waren. Die Wotansklinge hatte immer gelebt – Wolfram hatte das immer gewusst auf die Art wie man Dinge weiß die man nie ausspricht. Aber das hier war mehr als Leben. Das war Stimme.

Siegfried stand sehr still.

Die VRIL-Male an seinen Unterarmen leuchteten wieder – nicht das ruhige Sattlicht von vorhin. Voller, tiefer, die Farbe von etwas das resoniert. Er sah auf seine Arme. Dann auf die Wände um ihn herum. Dann auf Wolfram.

„Es antwortet“, sagte er.

„Worauf“, sagte Wolfram.

„Auf uns.“ Siegfried sah aus wie jemand der etwas hört das er nicht erwartet hat aber sofort versteht. „Auf das was wir gerade zurückbekommen haben.“ Er machte eine kurze Pause. „Es hat auf uns gewartet. Alle von uns. Vollständig.“

Karl stand neben der Dagaz-Rune auf dem Boden. Kohle auf Metall, erloschen, seine Arbeit getan. Er sah das Muster an und sein Gesicht hatte den Ausdruck von jemandem der eine Rechnung aufgemacht hat die aufgegangen ist.

Wolfram trat an die Frontscheibe.

Neben Valeska. Beide sahen hinaus – auf die Strukturen, die Runen, das Licht das kein Licht war. Sirius B. Die Götterwelt die keine Götterwelt mehr war. Der Ort der auf sie gewartet hatte seit bevor sie wussten dass er existierte.

Draußen auf Sigrids Anzeige: die Kurve zuckte weiter. Unkontrolliert, abgehackt, die Signatur eines Systems das nicht bekommen hat was es wollte und noch nicht weiß was es als nächstes tut.

Darunter – unter dem Zucken, unter dem Lärm der kein Lärm war – das Singen des Schiffes. Ruhig. Beständig. Ohne Eile.

Wolfram stand an der Frontscheibe der Wotansklinge und hörte beides gleichzeitig.

Das Schreien draußen.

Das Singen darunter.

Er wusste welches lauter war.

„Ragnar.“

Ragnar sah auf.

„Finde mir einen Kurs.“

„Wohin.“

Wolfram sah hinaus. Auf die Strukturen, die Größe die sein Gehirn ablehnte, den Ort der ihren Namen kannte bevor sie angekommen waren. Die Antwort auf eine Frage die die Menschen seit Jahrhunderten gestellt hatten ohne sie wörtlich zu meinen.

„Hinein.“

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Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.