Die Anatomie der Dunkelheit

Ragnar fand keinen Kurs.

Das war die präzise Wahrheit und er sagte sie ohne Umschreibung: seine Instrumente zeigten nichts das einem Kurs ähnelte. Keine Triangulation, keine gespeicherten Referenzen die noch galten, keine Methode die er in dreißig Jahren Navigation gelernt hatte und die hier funktioniert hätte.

Was er fand war etwas anderes.

„Es gibt eine Richtung“, sagte er. Er sah nicht auf während er sprach – die Hände auf der Konsole, die Augen auf Anzeigen die ihm sagten was nicht stimmte und damit indirekt sagten was es stattdessen gab. „Nicht kalkulierbar. Nicht messbar.“ Eine kurze Pause. „Aber eindeutig.“

Wolfram stand hinter ihm. „Nimm sie.“

Ragnar nahm sie.

Die Wotansklinge bewegte sich.

Nicht mit dem Ruck des Antriebs den Wolfram kannte – das Aufbrüllen der Systeme, der spürbare Schub, das Schiff das sich gegen seine eigene Masse stemmt. Das hier war anders. Das hier war das Schiff das wusste wohin es musste und es tat. Als hätte Ragnars Hand am Steuer nur bestätigt was die Wotansklinge bereits beschlossen hatte.

Stark würde dafür keine Erklärung haben.

Das war der Gedanke der Wolfram kurz beschäftigte und dann losließ. Manche Dinge verlangten keine Erklärung von Stark. Manche Dinge passierten einfach und das Schiff ließ es zu.

Die Brücke arbeitete in der Stille von Menschen die ihre Posten halten weil das die einzige Sprache ist die in diesem Moment Sinn ergibt. Sigrid an ihrer Station, die Kurve auf ihrem Display jetzt gleichmäßiger – nicht still, aber nicht mehr zuckend. Als würde das was draußen war aufgehört haben zu reagieren und anfangen zu warten. Götz der an der hinteren Wand stand und den Raum hielt. Valeska an der Frontscheibe.

Vor ihnen: das Schwarz das kein Schwarz war. Die Tiefe die Tiefe hatte. Und irgendwo darin – noch weit, noch ohne Form – das was sie rief.

Karl trat neben Wolfram.

„Bevor wir ankommen“, sagte er leise.

Wolfram sah ihn an.

„Es gibt Dinge die ich verstanden habe.“ Karls Stimme hatte den Ton von jemandem der eine Last trägt die er benennen muss bevor sie ihn biegt. „Durch das Ritual. Durch das was zurückgekommen ist.“ Er machte eine Pause. „Ich brauche euch vier.“


Sie standen an der hinteren Wand der Brücke.

Nicht auf Anweisung – Karl hatte „euch vier“ gesagt und sie hatten sich von ihren Posten gelöst ohne dass jemand die Brücke erklären oder übergeben musste. Ragnar hielt den Kurs. Sigrid hielt ihre Station. Der Rest der Wotansklinge arbeitete weiter.

Karl stand vor ihnen. Er hatte die Hände nicht in den Taschen, nicht vor der Brust – offen, an den Seiten, die Haltung von jemandem der nichts zurückhält.

„Die Schatten“, sagte er. Ohne Einleitung. „Ich habe sie falsch verstanden. Nicht falsch – unvollständig.“ Er sah kurz auf seine eigenen Hände. „Ich habe gewusst dass sie Wächter sind. Ich habe gewusst dass sie nicht angreifen. Aber ich habe nicht verstanden warum.“

Er sah Wolfram an.

„Du hast dich selbst gesehen. Im Sprung. Einen Augenblick – deine eigene Gestalt neben dir, dieselbe Haltung, dasselbe Gewicht.“

Wolfram sagte nichts. Er wartete.

„Das war kein Vergessen das sich auflöste. Das war kein Effekt der Passage.“ Karl machte eine kurze Pause. „Das war ein Schatten.“

Stille.

„Von mir“, sagte Wolfram.

„Von dir.“

Valeska stand mit dem Rücken zur Wand und sah Karl an. Ihr Gesicht arbeitete – nicht sichtbar, das Arbeiten einer Frau die neu ordnet was sie zu wissen glaubte. „Das Schiff“, sagte sie. „In den Visionen. Das Schiff das aussah wie die Wotansklinge.“

„Ja.“

„Unsere eigenen Schatten.“

„Aus einem anderen Raum. Aus einer anderen Zeit – ich kann nicht sagen welcher. Das läuft dort nicht linear.“ Karl sah kurz zur Frontscheibe, als würde er das was draußen war für einen Moment einbeziehen. „Die Zeichen waren von Anfang an da. Was wir für Fremdes gehalten haben war immer wir.“

Siegfried hatte die Arme vor der Brust. Er sah nicht überrascht aus.

Karl bemerkte es.

„Du wusstest es.“

„Ich hatte es gespürt.“ Siegfrieds Stimme war ruhig. Die VRIL-Male unter seinen Ärmeln – er musste sie nicht sehen um zu wissen dass sie reagierten. „Seit Helheim. Die Frequenz der Schatten war nicht fremd. Sie war – vertraut. Ich hatte keinen Rahmen dafür.“

Karl nickte einmal. „Der Rahmen kommt von mir.“

Er schwieg einen Moment.

Was danach kam hatte die Qualität von etwas das lange getragen worden war und jetzt abgelegt wurde – nicht erleichtert, nicht befreit. Nur: abgelegt.

„Ich habe auf der Helheim Drift gedient.“ Er sagte es eben, ohne Gewicht, die Art wie man eine Tatsache benennt die man selbst noch nicht ganz fassen kann. „Als sie jung war. Nicht vor Jahren – vor sehr viel länger.“ Er sah Wolfram an. „Das Ritual hat es zurückgebracht. Die vollständige Erinnerung.“ Eine Pause. „Ich bin von der anderen Seite hergekommen. Die Drift war der Knotenpunkt. Dort und im Ymir Nebel sind die Stellen wo die Räume am dünnsten sind – wo das was auf der anderen Seite ist nahe genug ist um durchzugreifen.“

Valeska sagte: „Du bist ein Schatten.“

„Ich war einer.“ Karl sah sie an. „Ich habe die Schwelle überschritten. Ich bin hiergeblieben. Die Rune –“ Er griff kurz zur Brusttasche, ohne sie zu öffnen. „Die Rune hat mich nicht gefunden. Sie hat mich wiedererkannt.“

Das saß.

Wolfram stand und sah Karl an – diesen Mann den er seit Jahren kannte, diese Augen die seit der Rückkehr das falsche Blau hatten. Das richtige Blau, hatte er damals gedacht. Das Blau das man kannte.

Er dachte jetzt nicht daran. Aber der Gedanke war da.

„Die dritte Macht“, sagte Wolfram.

Karl ließ die Hand von der Brusttasche sinken. „Sie kann nicht selbst hinaus. Das ist das Entscheidende – das was sie tut, das Stehlen, die Veränderten, das Vergessen – das ist ihre Reichweite nach außen. Aber sie selbst bleibt wo sie ist.“ Er machte eine kurze Pause. „Was sie will ist das Gefängnis verlassen. Die Fesseln die sie sich geschaffen hat.“

„Sie hat sie selbst geschaffen.“

„Ja. Und sie kann sie selbst nicht überwinden.“ Etwas in Karls Stimme – nicht Bitterkeit, etwas Älteres. Das Wissen von jemandem der zu lange zu nah an etwas gewesen war. „Also hat sie gewartet. Jahrtausende. Die Menschheit auf diesen Moment hin geformt – langsam, durch Überlieferungen, durch das was als Mythos überlebte und als Wahrheit verloren ging. Alles damit Menschen fähig würden zu kommen.“

„Was sie selbst nicht kann“, sagte Valeska.

„Was sie selbst nicht kann.“

Siegfried hatte die Arme sinken lassen. Die VRIL-Male leuchteten jetzt sichtbar durch den Stoff – warm, tief, das Licht von etwas das versteht was der Kopf noch nicht formuliert hat. „Wir sind der Schlüssel.“ Er sagte es nicht als Frage.

„Wir waren nie das Ziel“, sagte Karl. „Wir waren das Werkzeug.“

Stille.

Die Wotansklinge fuhr weiter. Die Richtung die Ragnar gefunden hatte ohne sie zu kennen. Das Schiff das wusste wohin.

Wolfram sah zur Frontscheibe.

Das Schwarz vor ihnen veränderte sich – kaum, ein erster Hauch von etwas das Form annahm, weit, aber näher als zuvor. Die Wärme im Raum die nicht von den Systemen kam.

„Dann“, sagte Wolfram, „werden wir kein Werkzeug sein.“

Niemand widersprach.


Es kam nicht plötzlich.

Das war das Erste was Wolfram registrierte – kein Erscheinen, kein Moment wo es nicht da gewesen war und dann da war. Es wuchs. Aus der Tiefe des Schwarzen heraus, langsam, mit der Würde von etwas das es nicht nötig hatte sich zu beeilen.

„Kommandant.“

Ragnars Stimme. Wolfram war bereits an der Frontscheibe.

Was vor ihnen lag hatte am Anfang keine Form – nur eine Veränderung der Qualität des Schwarzen. Eine Dunkelheit die dunkler war als die Dunkelheit um sie herum, die Kontur von etwas das Licht nicht reflektierte weil es kein Licht brauchte. Dann, während die Wotansklinge näherkam, die ersten Details.

Struktur.

Nicht Oberfläche. Nicht Material. Struktur – die Art wie etwas gebaut ist wenn der Erbauer keine Einschränkungen kennt und keine Zeit. Was er durch das Bullauge gesehen hatte waren Andeutungen gewesen. Das hier war das Original.

Es gab keine Kante. Keine Grenze wo es aufhörte. Er sah so weit er sehen konnte in jede Richtung und es ging weiter – links, rechts, über ihnen, unter ihnen, die vollständige Ausfüllung des Raumes vor ihnen mit etwas das kein Stern war und kein Planet und keine Station und kein Begriff den er kannte.

„Das ist kein Himmelskörper.“

Ragnar. Seine Stimme hatte den Ton von jemandem der eine Messung dreimal wiederholt hat weil er dem Ergebnis nicht traut.

„Nein“, sagte Karl neben Wolfram. „Das ist eine Konstruktion.“

Ragnar sah ihn an.

„Wie groß.“

Karl schwieg einen Moment. „Es gibt keine Einheit dafür.“

Das stimmte und das war das Problem – nicht als Aussage, als physische Tatsache. Wolfram kannte Maßstäbe. Er hatte auf Schiffen gedient die neben Raumstationen wirkten wie Boote neben Schlachtschiffen. Er hatte Planeten aus dem Orbit gesehen, hatte verstanden wie klein ein Schiff gegen eine Welt war. Er kannte den Unterschied zwischen groß und gewaltig und er kannte den Punkt wo gewaltig aufhört eine nützliche Kategorie zu sein.

Das hier war jenseits davon.

Das hier war eine Dyson-Sphäre.

Karl sagte es ohne Drama. Als technischen Begriff, weil es der präziseste war den er hatte. „Eine Konstruktion um einen Stern. Nicht um ihn zu nutzen – um ihn einzuschließen. Der Stern ist der Kern. Das was wir sehen ist die Hülle.“ Er sah hinaus. „Die Menschheit hat Theorien dafür entwickelt. Energienutzung, Zivilisationsstufen, die Kardashov-Skala –“ Er machte eine Pause. „Es gibt keine Stufe für das hier. Die Skala bricht darunter zusammen.“

Siegfried stand neben ihnen.

Die VRIL-Male brannten.

Nicht das warme Leuchten von vorhin – das Brennen von etwas das auf eine Frequenz trifft die es seit seiner Entstehung kannte ohne zu wissen woher. Sein Gesicht war nicht erschrocken. Es war das Gesicht von jemandem dem ein Wort das er sein ganzes Leben benutzt hat plötzlich seine eigentliche Bedeutung zeigt.

„Die Architektur“, sagte er leise. „In der Vision.“ Er sah Karl an. „Die Architektur die lebt. Die planetar oder größer war.“ Er sah wieder hinaus. „Ich habe sie zu klein gedacht.“

Niemand antwortete darauf. Es gab keine angemessene Antwort.

Die Wotansklinge fuhr weiter. Die Hülle der Sphäre füllte jetzt den gesamten Sichtbereich der Frontscheibe – keine Ränder mehr, keine Perspektive die sie einordnen ließ. Nur das Gebaute. Nur das Alte. Die Runen die als leuchtende Punkte erschienen waren zeigten sich jetzt als das was sie waren: keine Schrift, keine Markierungen. Bestandteile. Die Sphäre war aus ihnen gemacht – aus Mustern die älter waren als alles was Menschen aufgeschrieben hatten, aneinandergereiht und übereinander und ineinander bis sie eine Oberfläche bildeten die keine Oberfläche war.

Götz stand in der Tür zur Brücke.

Er hatte nichts gesagt und nichts gefragt. Er sah hinaus. Sein Gesicht hatte den Ausdruck von jemandem der eine Entscheidung trifft ohne dass eine Entscheidung zu treffen gewesen wäre – die Art von Klarheit die kommt wenn das was vor einem liegt jeden Zweifel überflüssig macht.

Valeska hatte die Hand auf dem Dolch. Nicht greifend. Haltend.

„Die Götter haben hier gelebt“, sagte sie.

Nicht als Frage. Nicht als Aussage die einer Bestätigung bedurfte. Als das Aussprechen von etwas das sie seit dem Moment wusste wo Karl Sirius B das erste Mal benannt hatte.

Karl sah sie an. „Was die Menschen Götter nannten.“

„Was sonst.“

Er antwortete nicht.

Das Schiff sang. Tiefer als zuvor, voller, als würde das Näherkommen an die Sphäre die Resonanz verstärken die es seit dem Sprung in sich trug. Als würde die Wotansklinge nach Hause kommen.

Nach Hause in einen Ort den sie nie gesehen hatte.


Sigrid sah sie zuerst.

Nicht weil ihre Augen besser waren – weil ihr Instrument das erste war das ausschlug. Nicht die Kurve die seit der Ankunft gezuckt hatte. Eine andere Anzeige, eine die sie seit Stunden nicht mehr konsultiert hatte weil sie nichts gezeigt hatte. Jetzt zeigte sie etwas.

„Kommandant.“

Wolfram trat zu ihr. Sah auf das Display.

Was die Anzeige zeigte war kein Signal, keine Strahlung, keine Kategorie die ihr System kannte. Es war Dichte. Die Oberfläche der Sphäre – soweit ihre Instrumente sie erfassen konnten – war nicht glatt. Sie war besetzt.

„Vergrößern.“

Sigrid vergrößerte.

Das Bild auf dem Display war körnig, unscharf, die Auflösung eines Instruments das für etwas anderes gebaut worden war. Aber es reichte.

Wolfram sah hin.

Dann trat er zurück zur Frontscheibe.

Er wusste was er suchte jetzt. Er sah hinaus auf die Oberfläche der Sphäre die so nah war dass sie keinen Horizont mehr hatte – nur Fläche, endlos, in jede Richtung. Und dort, wenn man wusste wonach man suchte, wenn die Augen lernten was sie sahen:

Silhouetten.

Nicht einzelne. Nicht hunderte. Er versuchte nicht zu zählen – der Versuch brach sofort zusammen, nicht weil es zu viele waren sondern weil die Zahl keine Bedeutung mehr hatte ab einem bestimmten Punkt. Sie standen, sie saßen, sie lagen – in Haltungen die menschlich wirkten und nicht menschlich sein konnten weil Menschen keine Oberflächen besiedelten die keine Schwerkraft und keine Atmosphäre hatten. Reglos. Ohne Abstand voneinander, ohne Muster, ohne Ordnung die er erkennen konnte.

Nicht lebend.

Nicht tot.

Er wusste den Unterschied. Er hatte Tote gesehen – auf Schlachtfeldern, auf Schiffen, in den Korridoren von Stationen die das Falsche getroffen hatte. Das hier war keines von beidem. Das hier war etwas das zwischen den Kategorien saß und für das es keine dritte gab.

Gespeichert.

Das Wort kam ohne dass er es gesucht hatte. Es passte besser als alles andere.

„Das Vergessen“, sagte Valeska.

Wolfram sah sie an.

„Was es von uns genommen hat.“ Sie sah nicht ihn an – sie sah hinaus, auf die Oberfläche, auf die Silhouetten die kein Ende hatten. „Das war eine Probe. Ein Probegriff.“ Ihre Stimme war eben. Nicht kalt – die Ebenheit von jemandem der das Grauen fasst indem er es benennt. „Das hier ist das Lager.“

Niemand widersprach.

Karl stand neben Wolfram. Er sah auf die Oberfläche mit dem Blick von jemandem der etwas wiedersieht das er zu vergessen versucht hatte. Nicht Wiedererkennen als Überraschung – als Bestätigung von etwas das er wusste und gegen das er gewesen war und das trotzdem wahr geblieben war.

„Erinnerungen“, sagte er. „Namen. Das was Menschen sind wenn man alles andere wegnimmt.“ Er schwieg einen Moment. „Sie stiehlt nicht weil sie kann. Sie stiehlt weil sie das Material braucht.“ Er sah zur Sphäre. „Sirius B ist aus dem gebaut was sie genommen hat.“

Götz stand noch in der Tür.

„Wie viele“, sagte er.

Nicht: wie viele Silhouetten. Wie viele Menschen. Wie viele Leben die in diese Oberfläche eingegangen waren über Jahrtausende.

Karl antwortete nicht.

Das war die Antwort.

Götz wandte den Blick ab. Nicht aus Schwäche – er hatte genug gesehen um zu wissen was er brauchte. Er brauchte nicht mehr.

Siegfried stand sehr still.

Die VRIL-Male an seinen Unterarmen hatten aufgehört zu brennen. Sie leuchteten jetzt gleichmäßig, ruhig, das Licht von etwas das registriert und verarbeitet und noch nicht fertig ist. Er sah auf die Silhouetten und sein Gesicht hatte den Ausdruck von jemandem der eine Verbindung zieht die er nicht ziehen wollte und die sich trotzdem zieht.

„Die Schatten“, sagte er leise. „Unsere eigenen Schatten.“ Er sah Karl an. „Wenn wir die Resonanz unserer selbst sind –“ Er ließ den Satz offen.

Karl sah ihn an. Das Offenlassen war die Frage und Karl verstand sie.

„Die Schatten sind nicht hier“, sagte er. „Das ist das Einzige das ich weiß.“ Eine Pause. „Was hier ist hat nichts mit dem zu tun was dort war.“

Siegfried nickte einmal. Das reichte.

Wolfram stand an der Frontscheibe und sah hinaus auf Millionen von Silhouetten die kein Ende hatten und keinen Anfang den er hätte finden können. Er dachte an das Vergessen in der Passage – die kurze Lücke, das Greifen in eine leere Tasche, Siegfrieds Gesicht das für einen Moment fremd geworden war. Das war eine Sekunde gewesen. Hier waren Jahrtausende.

Er wandte sich ab.

„Karl.“

Karl sah ihn an.

„Wie zerstört man eine Welt die aus gestohlenen Seelen gebaut ist.“

Es war keine Frage. Es war das Aussprechen von dem was alle dachten und was niemand sonst ausgesprochen hatte weil es ausgesprochen werden musste von dem der das Kommando hatte.

Karl schwieg nicht lange.

„Indem man ihr etwas gibt das sie nicht verdauen kann.“

Die Brücke hielt den Satz.

Wolfram sah ihn an. Wartete auf mehr.

Mehr kam nicht.

Nicht jetzt.


Die Kommunikation kam nicht durch die Systeme.

Sigrid sah es auf keiner Anzeige. Ragnar hatte keinen Hinweis. Keine Konsole schlug aus, kein Format das die Wotansklinge kannte veränderte sich. Was passierte passierte im Raum – nicht im technischen Raum des Schiffes, im Raum der Brücke selbst, in der Luft zwischen den Menschen und der Frontscheibe.

Das Gesicht erschien.

Kein Übergang, kein Verblassen hinein – es war da, vollständig, von einem Moment zum nächsten. Groß genug um den gesamten vorderen Teil der Brücke zu füllen ohne die Frontscheibe zu verdecken – als wäre es zwischen dem Schiff und dem was draußen war, in einer Schicht die keinen Namen hatte.

Wolfram sah es an.

Ein altes Gesicht.

Nicht alt wie ein alter Mann – alt wie etwas das Zeit auf eine Art erfahren hatte die kein Gesicht eigentlich tragen konnte und das es trotzdem trug. Die Haut bläulich blass, nicht krank – die Farbe von etwas das sehr lange sehr weit von Wärme entfernt gewesen war. Eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, der Stoff dunkel, ohne Muster. Darunter ein Bart der nicht gepflegt war und nicht ungepflegt – der einfach gewachsen war über eine Zeit die sich der Pflege entzogen hatte. Zottelig, weiß, das Haar darunter dasselbe.

Und die Augen.

Blau. Stechend, klar, das Blau von etwas das nicht dimmt und nicht ausweicht – das Blau von jemandem der zu lange zu viel gesehen hat und aufgehört hat es zu verbergen.

Die Brücke war still.

Nicht die Stille der Arbeit. Die Stille von Menschen die in Gegenwart von etwas sind das ihre Kategorien außer Kraft setzt.

Ragnar hatte die Hände von der Konsole genommen. Sigrid sah nicht auf ihr Display. Götz in der Tür hatte sich nicht bewegt aber sein Atem war hörbar tiefer geworden.

Wolfram stand an der Frontscheibe und sah das Gesicht an.

Das Gesicht sah ihn an.

Nicht die Brücke, nicht die Crew, nicht das Schiff – ihn. Die Augen die nichts verbargen und sich nichts anmerken ließen richteten sich auf Wolfram von Drachau und hielten dort.

Dann öffnete das Gesicht den Mund.

Eine Stimme. Nicht durch die Lautsprecher, nicht durch die Luft auf die Art wie Luft Schall trägt – direkt, ohne Medium, die Stimme von jemandem der gelernt hat dass Entfernung und Materie optionale Bedingungen sind.

Geplagt. Das war das Wort. Nicht schwach, nicht gebrochen – geplagt, die Stimme eines Wesens das etwas trägt das es nicht abwerfen kann und das längst aufgehört hat zu versuchen es abzuwerfen.

Ein Wort.

Surtr.

Nicht als Begrüßung. Nicht als Warnung. Als das Einzige das in diesem Moment nötig war – die Benennung von sich selbst, angeboten ohne Umschreibung, ohne Einleitung, ohne den Versuch es in etwas einzubetten das leichter zu empfangen gewesen wäre.

Wolfram stand.

Hinter ihm hörte er Siegfried – kein Wort, nur ein Atemzug, das kurze Stocken von jemandem dem ein Name in seinem Körper landet bevor der Kopf ihn einordnen kann. Die VRIL-Male an Siegfrieds Unterarmen – er musste sie nicht sehen. Er spürte das Leuchten im Raum.

Karl stand still.

Das Gesicht wartete.

Die Augen auf Wolfram. Geduldig. Mit der Geduld von etwas das sehr lange gewartet hat und das ein bisschen länger warten kann.

Wolfram öffnete den Mund.

Weiter lesen
Sirius B – Der Ruf der GötterKapitel 24

Surtrs Botschaft

Wolfram kannte den Namen. Er kannte ihn aus Büchern die in Kasernen herumlagen, aus Liedern die alte Männer sangen wenn…

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.