Der stille Sohn

Niemand hatte sich gesetzt.

Der Raum war nicht für längeres Verweilen gedacht – ein Tisch, vier Stühle die selten benutzt wurden, die Art Möblierung die mehr Pflicht als Komfort war. Wolfram stand mit dem Rücken zur Wand, die Arme noch nicht verschränkt, aber kurz davor. Valeska hatte sich nicht von der Tür entfernt. Karl stand wo er stand. Siegfried am weitesten von allen entfernt, als bräuchte er den Abstand um wieder bei sich selbst anzukommen.

Die Stille von vorhin hatte sich nicht gelegt. Sie hatte nur die Form gewechselt.

„Ich sage es jetzt“, begann Wolfram. „Bevor es zur Frage wird die wir uns gegenseitig stellen müssen.“

Er hielt inne. Länger als beabsichtigt.

„Was wäre, wenn wir es täten.“

Es war keine Frage, die er stellte. Es war eine, die er aussprach, weil sie sonst im Raum gestanden hätte, ungesagt, und ein ungesagter Gedanke wog schwerer als ein ausgesprochener. „Surtr hat nicht gelogen, als er sagte, das hier ist keine Geschichte. Es ist Geschichte. Was wir gesehen haben auf dieser Oberfläche, was er uns erzählt hat – das ist keine Drohung die man wegwischt. Das ist eine Macht die real ist, in einem Ausmaß das keiner von uns vorher gekannt hat.“ Er sah nicht Valeska an, nicht Karl. Er sah auf einen Punkt zwischen ihnen, irgendwo dort wo Entscheidungen gewogen wurden, bevor sie fielen. „Es gäbe eine Welt in der wir den Frieden nehmen den er anbietet. In der wir das beenden was seit Generationen über uns gestanden hat, anstatt es weiterzutragen für die die nach uns kommen.“

Die Stille danach hatte ein anderes Gewicht als jede zuvor in diesem Raum.

„Riesenblut ist auch Götterblut“, sagte er, leiser. „Vielleicht ist das, was er anbietet, kein Verrat an irgendetwas. Vielleicht ist es nur das Ende eines Krieges der zu lange gedauert hat.“

„Nein“, sagte Valeska.

Kein Zögern in ihrer Stimme. Keine Schärfe, die nach Vorwurf klang – nur die Kälte einer Klinge die man kennt, lange bevor man sie braucht.

„Du hast seine Augen gesehen“, sagte sie. „Du hast gehört wie er von Äonen spricht als wären sie Minuten. Ein Wesen das so lange wartet, lügt nicht weil es lügen muss. Es lügt, weil es kann. Weil es Zeit hatte, jede Lüge so zu formen, dass sie sich wie Wahrheit anfühlt, lange bevor du sie hörst.“ Sie trat einen Schritt vor, nicht drohend, nur näher. „Was er anbietet, ist kein Frieden. Es ist eine Tür. Und hinter jeder Tür die ein Gefangener seit Äonen zu öffnen versucht, steht kein Ende eines Krieges. Da steht der nächste.“

Wolfram sah sie an.

„Du hast recht“, sagte er schließlich.

Es war kein Zugeständnis, das ihm leichtfiel – das stand in der Art, wie er es sagte, in der Pause davor, in dem Gewicht das auf den zwei Worten lag. Aber es war ein Zugeständnis ohne Widerstand, sobald es ausgesprochen war.

„Das Angebot kommt nicht in Frage“, sagte er.

Seine Stimme war leiser geworden, nicht aus Schwäche, sondern aus derselben Vorsicht, die jeden im Raum seit dem Betreten begleitet hatte – die unausgesprochene Gewissheit, dass Wände auf diesem Schiff Schutz vor vielem boten, aber vermutlich nicht vor dem, was ihnen gerade noch gegenübergestanden hatte. Ein Wesen das durch eine Sphäre sprach, ohne Mund, ohne Medium, ließ sich nicht durch eine geschlossene Tür aussperren. Das wusste er. Das wussten sie alle, auch ohne es zu sagen.

Es änderte nichts daran, was gesagt werden musste.

„Was ich Surtr gegeben habe, war ein Aufschub. Kein Zweifel. Nach außen bleibt das so – ein Bluff den wir uns leisten, solange er uns Zeit kauft. Aber hier, unter uns, gibt es kein vielleicht mehr. Wir gehen diesen Handel nicht ein. Ob er das jetzt hört oder erst später errät, ändert an dem Satz nichts.“

„Dann sag ihn so, dass er steht“, sagte Valeska. Ihre Stimme war wieder ruhig, aber leiser als zuvor – nicht aus Furcht, eher aus demselben stillen Respekt vor der Möglichkeit eines Zuhörers, den niemand im Raum sehen konnte. „Die Frage war nie ob. Die Frage ist was wir stattdessen tun, falls er mehr von dieser Antwort kennt als wir glauben wollen.“

„Das ist die Frage“, sagte Wolfram. „Und ich habe noch keine Antwort.“

Karl, der bisher geschwiegen hatte, bewegte sich von der Wand.

Er wusste etwas, in diesem Moment – das stand in der Art, wie sein Blick kurz zu Siegfried ging, bevor er wieder zu Wolfram zurückkehrte. Etwas, das er nicht aussprach, weil es noch keine Worte hatte, mit denen es hätte gesagt werden können, ohne kleiner zu werden als es war.

„Es gibt einen anderen Weg“, sagte er stattdessen.

Alle Blicke gingen zu ihm.

Er ließ den Satz einen Moment stehen, bevor er weitersprach – nicht aus Effekt, eher aus der Vorsicht eines Mannes der wusste, dass das was er als Nächstes sagte, nicht vollständig war und auch nicht vollständig sein durfte.

„Ich kenne ihn nicht“, sagte er. „Nicht im Detail. Aber ich weiß, dass er da ist. So wie ich gewusst habe, dass die Rune mehr war als ein Werkzeug, lange bevor ich sagen konnte, was sie war.“

„Ein Weg wohin“, sagte Wolfram.

„Das kann ich noch nicht sagen.“ Karls Blick war direkt, ohne Ausweichen, aber auch ohne den Versuch, mehr zu behaupten als er besaß. „Was ich sagen kann: dieser Ort wurde nicht nur gebaut um etwas einzusperren. Etwas in ihm wurde gebaut um etwas zurückzugeben. Ich spüre die Richtung. Nicht das Ziel.“

Wolfram betrachtete ihn lange.

Er hatte gelernt, Karls Sätze nicht nach ihrem Inhalt allein zu wiegen, sondern nach dem, was hinter ihnen lag – ein Mann der seit langem mehr wusste, als er sagen konnte, und der genau deswegen sparsam war mit dem, was er aussprach.

„Dann finden wir die Richtung“, sagte Wolfram. „Bis wir sie kennen, bleibt das Nein wo es ist. Verschlossen. Unter uns.“

Niemand widersprach.

Er löste sich von der Wand. Die Besprechung war nicht beendet im Sinne eines Abschlusses – eher unterbrochen, von der Art Unterbrechung die ein Kommandant setzte, wenn er wusste, dass das nächste Wort erst kommen durfte, wenn es etwas zu sagen gab.

„Geht“, sagte er. „Jeder von euch. Ruht, wenn ihr könnt. Was als Nächstes kommt, braucht euch wach.“

Er fand einen Korridor der zu nichts führte.

Das war nicht ungewöhnlich auf der Wotansklinge – ein Schiff dieser Größe hatte immer Gänge die niemand brauchte, Übergänge zwischen Funktionen die irgendwann ihren Zweck verloren hatten und dennoch blieben, weil man sie nicht wegplante. Siegfried kannte diesen hier seit Jahren. Er war hierhergekommen, wenn er als Junge zu viel in sich getragen hatte und noch nicht wusste, wie man es jemandem zeigte.

Er kam jetzt aus demselben Grund.

Die Beleuchtung war gedämpft, eine der wenigen Stellen an Bord, an denen niemand Wert auf volle Helligkeit gelegt hatte. Er lehnte sich gegen die kalte Wand und sah auf seine Unterarme.

Die Male waren ruhig.

Nicht abwesend – ruhig, auf eine Art, die er nicht kannte. Seit er denken konnte, hatten sie reagiert wie etwas, das wach war, das auf ihn aufpasste oder ihn warnte oder ihm zeigte, wohin er sehen sollte. Jetzt lagen sie da wie etwas, das nicht mehr wartete. Als wäre die Frage, auf die sie all die Jahre eine Antwort gesucht hatten, endlich gestellt worden.

Er schloss die Augen.

Was zurückblieb, wenn er das tat, war kein Bild. Kein Gesicht, keine Erinnerung, kein Gedanke den er hätte greifen können. Eher ein Gefühl von Richtung – als stünde er an einer Kreuzung in völliger Dunkelheit und wüsste trotzdem, ohne Licht, ohne Karte, welcher Weg der seine war.

Er hatte das Wort Linie gehört. Das Wort Geschlecht. Worte, die für ihn vorher Geschichte gewesen waren, etwas das in alten Büchern stand, weit weg von dem was er war – ein Mann mit ungewöhnlichen Tätowierungen, ein Sohn der mehr spürte als andere, ein Soldat der gelernt hatte mit dem zu leben was er nicht erklären konnte.

Jetzt fühlten sich diese Worte an wie etwas, das schon immer zu ihm gehört hatte. Nur noch nicht ausgesprochen.

Er öffnete die Augen.

Niemand hatte ihm gesagt, was er war. Nicht Surtr, der nur von einer Linie gesprochen hatte, ohne einen Namen darin zu nennen. Nicht sein Vater, der ihn ansah, ohne hinzusehen. Nicht Karl, dessen Blick eben noch auf ihm geruht hatte mit einem Wissen, das er nicht teilte.

Und doch wusste Siegfried, in diesem Korridor, der zu nichts führte, mehr über sich selbst als eine Stunde zuvor.

Er wusste nur nicht, wie man es in Worte fasste, die kleiner waren als das, was er fühlte.

Er blieb eine Weile so stehen. Die Wand im Rücken, die Male still, der Korridor leer.

Dann, irgendwann, ohne dass er eine Entscheidung getroffen hätte, die er hätte benennen können, löste er sich von der Wand.

Es gab niemanden, dem er das hätte erklären können. Nicht heute.

Aber es gab jemanden, bei dem er nicht erklären musste.

Er ging.

Sie war nicht überrascht, als er kam.

Valeska saß in der kleinen Offiziersmesse, die um diese Stunde leer war – eine Tasse vor sich, längst kalt, die Hände um sie gelegt mehr aus Gewohnheit als aus Bedürfnis nach Wärme. Sie sah auf, als die Tür sich öffnete, und etwas in ihrem Gesicht veränderte sich nicht, obwohl alles in ihr es registrierte.

Siegfried blieb im Türrahmen stehen.

„Setz dich“, sagte sie.

Er tat es. Ihr gegenüber, nicht neben ihr – die Distanz, die zwischen ihnen immer gelegen hatte, nicht aus Kälte, sondern aus der Art, wie beide ihre Nähe ausdrückten. Nicht durch Berührung. Durch Anwesenheit.

Sie sagte nichts. Er auch nicht.

Das war nichts Neues zwischen ihnen. Es hatte Abende gegeben, ganze Wachen, in denen sie nebeneinander gestanden oder gesessen hatten, ohne ein Wort zu wechseln, und beide waren danach aufgestanden mit dem Gefühl, etwas Wichtiges gesagt zu haben. Andere an Bord verstanden das nicht. Götz vielleicht. Niemand sonst.

Heute war es anders.

Valeska betrachtete ihn – nicht prüfend, nicht suchend nach etwas, das sie nicht schon wusste. Eher mit dem Blick einer Frau, die seit Jahren etwas in sich trug und die jetzt, in diesem Moment, zum ersten Mal sah, dass es ihr Gegenüber ebenfalls trug, ohne dass jemand von beiden es ausgesprochen hatte.

Sie wusste, was Erik ihr gesagt hatte. Sie hatte es nie wiederholt, nicht einmal sich selbst gegenüber, nicht in den stillen Stunden in denen Gedanken sich sonst Bahn brachen ob man wollte oder nicht. Sie hatte es einfach getragen, wie man etwas trägt das man nicht ablegen kann und auch nicht ablegen will, weil das Tragen selbst zu einem Teil von einem geworden ist.

Sie sprach es auch jetzt nicht aus.

Siegfried sprach nicht über die Male.

Er saß da, die Hände auf dem Tisch, ruhig auf eine Art, die er selbst noch nicht ganz verstand, und sah seine Mutter an – ohne das Wort in sich zu formen, ohne es zu brauchen. Etwas zwischen ihnen wusste längst, was er erst seit Stunden ahnte.

„Du warst still“, sagte sie schließlich. Keine Frage.

„Ja.“

„Das bist du oft.“

„Heute anders.“

Sie nickte, einmal, langsam. Mehr verlangte sie nicht von ihm. Mehr gab sie ihm auch nicht – keinen Trost der nach Worten verlangte, keine Frage die eine Antwort erzwang. Nur die Anwesenheit, die sie ihm seit seiner Kindheit geschenkt hatte, ohne dass er je hätte sagen können, wann sie begonnen hatte.

Sie streckte die Hand über den Tisch.

Er nahm sie.

Es war keine Geste, die einer von ihnen oft machte. Beide waren Menschen die ihre Zuneigung in Handlung trugen, nicht in Berührung – ein Satz zur richtigen Zeit, eine Entscheidung die das Vertrauen zeigte, eine Hand auf der Schulter wenn Worte zu klein gewesen wären. Das hier war größer als das.

Ihre Hand war kühl. Seine Male, unter dem Stoff des Ärmels, lagen ruhig dort wo sie sich berührten.

Keiner von beiden sagte, was beide wussten.

Dass etwas kommen würde. Dass es sie beide betraf, auf eine Weise, die größer war als jede Mission, jeder Befehl, jede Schlacht die sie bisher gemeinsam überstanden hatten. Dass die Stille zwischen ihnen heute nicht die gewohnte war, sondern eine, die sich vorbereitete.

Valeska sah ihn an, lange.

In ihrem Blick lag etwas, das Siegfried nicht lesen konnte, nicht vollständig – aber er spürte das Gewicht davon, wie man die Wärme eines Feuers spürt, ohne in die Flamme zu sehen.

„Was auch kommt“, sagte sie schließlich, leise, „du bist nicht allein darin.“

Es war kein Versprechen im üblichen Sinn. Es klang nicht wie eines. Es klang wie etwas, das bereits wahr war, ausgesprochen nur damit es zwischen ihnen auch in Worten existierte, nicht nur in der Hand, die sie nicht losließ.

Siegfried nickte.

Mehr sagte keiner von beiden.

Die Tasse vor ihr blieb kalt. Die Hände blieben verbunden, bis irgendwann, ohne dass eine Entscheidung dafür nötig gewesen wäre, beide aufstanden – nicht weil das Gespräch zu Ende war, sondern weil es nie eines gewesen war, das Worte gebraucht hätte um zu enden.

An der Tür blieb Valeska noch einen Moment stehen.

Sie sah ihren Sohn an, wie man etwas ansieht, das man sich einprägen will, ohne zu wissen warum gerade jetzt.

Dann ging sie.

Weiter lesen
Sirius B – Der Ruf der GötterKapitel 26

Die Hintertür

Sie waren wieder im Rückzugsraum, aber diesmal hatte Wolfram weitere Stimmen geholt – Magnus, dessen Schultern selbst in Ruhe die…

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.