Die Brücke

Der Korridor vor dem Brückenzugang war leer.

Wolfram hatte Siegfried hierher gebeten, nicht befohlen – ein Unterschied, den beide spürten, ohne ihn auszusprechen. Das Licht um Siegfrieds Haut lag ruhig, fast vertraut jetzt, nach den Stunden, die seit seinem ersten Erscheinen vergangen waren. Es würde bald nicht mehr nur Licht sein. Das wusste jeder an Bord.

Wolfram stand ihm gegenüber.

„Also“, sagte er. „Du gehst da rein, wo Männer mit deutlich weniger Verstand als du es eigentlich besser wissen sollten, und—“

Er brach ab.

Mitten im Satz, mitten in der Bewegung, mit der er normalerweise die Pointe gesetzt hätte – das kleine Heben der Augenbraue, der trockene Ton, der seit zwanzig Jahren seine Art war, Dinge zu sagen, die zu schwer waren, um sie direkt zu sagen.

Es kam nicht.

Etwas in seinem Gesicht gab nach, nur für einen Moment, bevor er es wieder fing.

„Es gibt keinen Spruch dafür“, sagte er, leiser. „Ich habe gesucht. Es gibt keinen.“

Siegfried sah ihn an. Nichts in seinem Blick verlangte mehr, als Wolfram zu geben bereit war – keine Frage, kein Drängen, nur die stille Geduld eines Mannes, der wusste, dass die Worte kommen würden, wenn sie kommen wollten, oder gar nicht.

„Du gehst irgendwo hin, das niemand von uns je gesehen hat“, sagte Wolfram schließlich. „Und ich kann dich nicht begleiten.“

„Nein“, sagte Siegfried. „Kannst du nicht.“

„Das gefällt mir nicht.“

„Mir auch nicht besonders.“ Ein kleines, kurzes Anheben der Mundwinkel, nicht ganz ein Lächeln, aber nah genug daran, dass Wolfram es als das erkannte, was es war – Siegfrieds eigene, ruhigere Version desselben Schutzschilds, den sein Vater sein ganzes Leben getragen hatte.

Wolfram nickte, einmal.

Er hob die Hand.

Sie legte sich auf Siegfrieds Schulter, fest, kurz – einen einzigen Herzschlag lang, nicht länger, weil länger mehr gewesen wäre, als beide in diesem Moment tragen konnten. Das Licht um Siegfrieds Haut reagierte nicht auf die Berührung, ließ sie einfach zu, als hätte es längst gewusst, dass sie kommen würde.

Dann ließ Wolfram los.

Er sagte nichts mehr. Es gab nichts, das er hätte sagen können, das größer gewesen wäre als diese eine Geste – die Hand, der Herzschlag, das Loslassen. Für Wolfram war das alles, was er hatte. Es war auch alles, was er geben konnte, ohne zu zerbrechen, und beide wussten das, ohne dass es ausgesprochen werden musste.

Siegfried nickte ihm zu.

Dann wandte er sich zur Brücke.

Die Brücke hatte sich geleert, bis auf die, die bleiben mussten.

Götz an der Tür, reglos, die Augen auf Siegfried gerichtet, ohne ein Wort. Ragnar an seiner Konsole, die Hände still über den Kontrollen, bereit, aber ohne etwas zu tun, das er hätte erklären können. Sigrid, deren Display längst aufgehört hatte, etwas zu zeigen, das ihre Systeme verstanden. Stark, der die Zigarre, die er seit Stunden nicht angezündet hatte, in der Tasche verschwinden ließ.

Wolfram stand an der Frontscheibe.

Valeska trat zu Siegfried.

Sie sagte nichts. Es gab nichts mehr, das gesagt werden musste, nach allem, was zwischen ihnen in den vergangenen Tagen ohne Worte gewesen war. Sie positionierte sich vor ihm, die Füße fest auf dem Boden, die Schultern gerade, mit der Haltung einer Frau, die wusste, was als Nächstes von ihr verlangt würde, auch ohne dass es ihr jemand gesagt hatte.

Siegfried schloss die Augen.

Was als Nächstes geschah, hatte keinen Anfang, den jemand auf der Brücke hätte benennen können – es war eher, als hätte sich etwas, das die ganze Zeit unter der Oberfläche gewartet hatte, entschieden, jetzt hervorzutreten. Das Licht um seine Haut weitete sich, schneller als zuvor, nicht mehr nur ein Schein, der ihn umgab, sondern etwas, das begann, sich von ihm zu lösen, ohne ihn zu verlassen.

Der Ton kehrte zurück.

Lauter diesmal. Tiefer. Er füllte die Brücke, nicht als Lärm, sondern als etwas, das sich im Brustkorb jedes Einzelnen festsetzte, als würde das Schiff selbst beginnen, mitzuschwingen.

Die Wotansklinge resonierte.

Wolfram spürte es durch die Sohlen seiner Stiefel, durch die Konsole, an der er stand, durch die Luft selbst – das Schiff, das seit dem Sprung gesungen hatte, hob seine Stimme jetzt zu etwas, das näher an einem Ruf lag als an einem Lied.

Draußen, auf der endlosen Fläche der Sphäre, begann sich etwas zu verändern.

Die Silhouetten, die seit Tagen reglos auf der Oberfläche gelegen hatten, regten sich – nicht alle, nicht überall, aber an einem Punkt, einem einzigen, auf den Siegfrieds Licht zu zeigen schien wie eine Nadel auf einen Pol. Dort öffnete sich etwas. Kein Riss, keine Tür im sichtbaren Sinn – eher eine Verdichtung, eine Stelle, an der die Oberfläche aufhörte, undurchdringlich zu sein.

Ein Kanal.

„Jetzt“, sagte Karl. Sein Blick war auf Valeska gerichtet, nicht auf Siegfried.

Valeska hielt.

Es war nicht sofort sichtbar, was es sie kostete – kein Aufschrei, kein Zusammensacken, nur eine minimale Veränderung in ihrer Haltung, eine Anspannung in den Schultern, die nicht da gewesen war, bevor der Kanal sich geöffnet hatte. Als würde etwas durch sie hindurchgehen, etwas, das sie tragen musste, damit es nicht zerstreute, bevor es ankam, wo es ankommen sollte.

Sie hielt.

Wolfram sah es, sah die Anspannung, die feine Linie um ihre Augen, die er in zwanzig Jahren gelernt hatte zu lesen – das Zeichen einer Frau, die etwas verbarg, weil das Verbergen Teil dessen war, was sie tat.

Er sagte nichts.

Es war nicht seine Aufgabe in diesem Moment, etwas zu sagen. Es war seine Aufgabe, zu stehen, zu beobachten, bereit zu sein – und das tat er, mit der ganzen Disziplin, die zwanzig Jahre Kommando ihm gegeben hatten, auch wenn jeder Instinkt in ihm danach verlangte, zu ihr zu treten.

Siegfried, die Augen noch geschlossen, begann sich zu lösen.

Nicht körperlich. Nicht im Sinn, dass er den Boden verließ oder sich auflöste. Eher, als würde ein Teil von ihm – derselbe Teil, der seit Kapiteln in ihm gewartet hatte – beginnen, sich auszustrecken, über die Brücke hinaus, durch das Licht, durch den Kanal, den Valeska offenhielt, hin zu dem Punkt auf der Oberfläche, an dem etwas auf ihn wartete.

Die Brücke hielt den Atem an.

Es geschah ohne Vorwarnung.

Surtr hatte gewartet, das war später klar – gewartet, bis Siegfried tief genug im Übergang war, bis ein Rückzug für ihn nicht mehr ohne Verlust möglich gewesen wäre. Er hatte zugesehen, wie der Kanal sich öffnete, wie das, was er seit Äonen wollte, sich endlich in Reichweite bewegte, und er hatte den Moment abgewartet, in dem das Zugreifen den größten Schaden anrichten würde.

Er griff nicht Siegfried an.

Das war der Moment, in dem Wolfram begriff, dass alles, was bisher geschehen war, nur Vorbereitung gewesen war für das, was jetzt kam.

Surtr griff den Pfeiler an.

Es war kein Kampf. Wolfram hatte Kämpfe gesehen, genug, um den Unterschied zu kennen – ein Kampf hatte eine Richtung, einen Widerstand, ein Geben und Nehmen zwischen zwei Kräften, die beide etwas zu verlieren hatten. Was hier geschah, hatte keine dieser Eigenschaften.

Es war Auslöschung.

Valeskas Körper blieb stehen, aufrecht, die Füße fest auf dem Boden, als hätte sich nichts verändert. Aber ihr Gesicht – Wolfram sah es, von der Frontscheibe aus, und er würde es nie wieder aus sich herausbekommen – ihr Gesicht zeigte etwas, das er bei ihr nie gesehen hatte. Nicht Schmerz im körperlichen Sinn. Etwas Tieferes. Als würde etwas in ihr, von innen nach außen, Schicht für Schicht, zerrissen.

Draußen, im Raum um die Wotansklinge, wurde es sichtbar.

Licht, das keine Quelle hatte, brach über die Sphärenoberfläche, nicht an einem Punkt, sondern überall gleichzeitig, als würde die gesamte Konstruktion auf das reagieren, was in diesem Moment in Valeska geschah. Es war kein Feuer. Es verbrannte nichts – es war eher eine Verzerrung, ein Riss in dem, was bisher als ruhig, als wartend gegolten hatte.

Surtr, irgendwo in diesem Licht, in diesem Riss, war sichtbar geworden auf eine Weise, die er zuvor nie gewesen war – nicht als Gesicht, nicht als Gestalt, sondern als Kraft, als kosmisches Schauspiel, das sich über die gesamte Fläche der Sphäre ausbreitete, sichtbar für jeden auf der Brücke, sichtbar für jeden, der hinaussah.

Die Crew sah es.

Götz, der seine Hand an die Waffe gelegt hatte, ohne zu wissen, gegen was er sie richten sollte. Sigrid, deren Display in einem Strom von Werten explodierte, die keine Bedeutung mehr hatten. Ragnar, dessen Hände über der Konsole erstarrten, weil es keinen Kurs gab, der ihnen jetzt geholfen hätte.

Wolfram sah es.

Er sah seine Frau – die Frau, die er nie so genannt hatte, nicht im Beisein der Crew, nicht einmal in seinem eigenen Kopf, wenn er es vermeiden konnte, weil manche Wahrheiten zu schwer wurden, sobald man sie aussprach – er sah sie stehen, aufrecht, während etwas versuchte, sie von innen zu zerstören.

Er bewegte sich nicht.

Es gab nichts, das er hätte tun können. Keine Waffe, kein Befehl, kein Manöver erreichte das, was hier geschah. Das war der grausamste Teil – zu wissen, in jeder Faser seines Körpers, dass er machtlos war, und trotzdem stehen zu bleiben, weil Weglaufen keine Option war, die er je in Betracht gezogen hätte.

Valeska hielt.

Sie wusste, was auf dem Spiel stand.

Das war der Gedanke, der sich durch das hindurchzog, was Surtr ihr antat – nicht Angst um sich selbst, nicht der Wunsch, dass es aufhören möge, sondern eine Klarheit, die durch den Schmerz hindurch Bestand hatte, weil sie sie sich lange vorher zurechtgelegt hatte, in den stillen Stunden, in denen sie gewusst hatte, dass dieser Moment kommen würde.

Es ging nicht um ihr Leben.

Es ging um den Kanal, den sie offenhielt – um Siegfried, der mitten im Übergang war, halb hier, halb dort, in einem Zustand, der keine Sicherheit kannte, solange er nicht vollständig war. Wenn sie jetzt nachgab, wenn der Kanal zusammenbrach, während er noch dazwischen hing, würden die Riesen genau das bekommen, was sie die ganze Zeit gewollt hatten – einen Träger, gefangen zwischen zwei Welten, offen für das, was sich durch ihn hindurchzwingen wollte.

Das durfte nicht geschehen.

Sie hielt.

Nicht durch Kraft – sie hatte längst aufgehört, etwas zu spüren, das sich wie Kraft anfühlte. Was sie hielt, war etwas anderes, etwas, das tiefer saß als Muskeln, als Nerven, als alles, was ein Körper normalerweise zum Stehen brachte. Ein Wille, der sich weigerte, sich zu lösen, bevor die Aufgabe getan war.

Surtr drängte härter.

Sie spürte es, wie etwas, das sich durch sie hindurchpressen wollte, das nach jedem Riss suchte, jeder Schwäche, jedem Punkt, an dem sie nachgeben könnte. Sie gab ihm keinen.

Irgendwo, weit weg, fast unerreichbar, spürte sie Siegfried.

Nicht als Bild, nicht als Stimme. Als Richtung. Als etwas, das sich bewegte, das näher kam an das, was es werden sollte, langsamer, als sie gehofft hatte, aber stetig, unaufhaltsam, ein Prozess, der nicht beschleunigt werden konnte, nur gehalten, nur beschützt, während er geschah.

Sie hielt weiter.

Der Schmerz – wenn es das Wort überhaupt traf – hatte aufgehört, etwas zu sein, das sie messen konnte. Es war einfach da, allumfassend, und sie trug es, weil es das war, was sie zu tragen gekommen war, lange bevor sie wusste, dass es dieses sein würde.

Etwas in ihr begann, sich zu verändern.

Nicht der Wille. Der Wille blieb. Aber das, was ihn trug, der Raum, in dem er existierte, begann, dünner zu werden, als würde das, was Surtr tat, nicht mehr zurückgedrängt werden, sondern lediglich verzögert – ein Damm, der hielt, weil er halten musste, nicht weil er unbegrenzt halten konnte.

Sie spürte den Moment, in dem Siegfried die andere Seite erreichte.

Es war kein Triumph. Kein Aufschrei der Erleichterung. Nur eine Veränderung, fein, aber unverkennbar – die Richtung, die sie gespürt hatte, kam an, irgendwo, das nicht mehr hier war und noch nicht vollständig dort, aber sicher genug, dass die Verbindung, die sie gehalten hatte, ihre Funktion erfüllt hatte.

Der Kanal brauchte sie nicht mehr.

Valeska ließ los.

Nicht aus Schwäche. Nicht, weil sie nicht mehr konnte. Sie ließ los, weil es Zeit war, weil die einzige Sache, für die sie gehalten hatte, jetzt geschehen war, und es keinen Grund mehr gab, weiter zu tragen, was sie getragen hatte.

In dem letzten Moment, bevor alles aufhörte, war kein Schmerz mehr in ihrem Gesicht.

Nur Frieden.

Sie hatte es gewusst. Seit Erik es ihr gesagt hatte, seit jenem Moment in der Brig, der jetzt so weit weg schien, als hätte er einem anderen Leben gehört. Sie hatte gewusst, dass es kommen würde, hatte sich vorbereitet, ohne es je auszusprechen, und jetzt, am Ende, war da keine Überraschung, kein Kampf gegen das Unvermeidliche.

Nur die stille Gewissheit, dass es genau das gewesen war, was sie hatte geben wollen.

Ihr Sohn würde leben, würde werden, was er werden sollte.

Das war genug.

Aus dem Riss in der Sphärenoberfläche, aus dem Licht, das keine Quelle hatte, kam noch ein letztes Mal Surtrs Stimme – nicht laut, nicht in der gemessenen Sachlichkeit, die er bisher getragen hatte. Etwas darunter, kantig, freigelegt.

Sigyn.“ Ein einziges Wort, wie eine Anklage, die zu alt war, um noch Zorn zu brauchen. „Du Schlange. Seit jeher auf der falschen Seite.“

Mehr kam nicht.

Keine Erklärung folgte dem Namen, kein zweiter Satz, der ihn eingeordnet hätte. Das Licht, das tobend über die Sphäre gelegen hatte, zog sich zurück, schnell, wie etwas, das seine Kraft verausgabt hatte und sich jetzt sammeln musste, irgendwo, wo niemand auf der Wotansklinge es sehen konnte.

Dann war nichts mehr da, das Surtr gewesen war.

Nur die Stille, die er zurückließ – und Valeska, die in dieser Stille zu Boden sank, ihr Gesicht noch immer von dem Frieden gezeichnet, den nichts mehr stören würde.

Wolfram stand, als alles vorbei war.

Es gab keinen Moment, in dem er sich entschieden hatte zu stehen – er hatte sich einfach nicht bewegt, von dem Augenblick an, in dem Surtr zugeschlagen hatte, bis zu diesem hier, in dem die Brücke wieder still war und nichts mehr da war, das gegen sie kämpfte.

Valeska lag, wo sie zusammengesunken war.

Er sah es. Er sah alles – das Licht, das verblasst war, die Stille, die sich über die Brücke gelegt hatte, das Gesicht seiner Frau, das selbst jetzt noch trug, was sie ihm nie mit Worten gegeben hatte. Er verstand nicht alles, was geschehen war. Die Mechanik dahinter, die Kräfte, die sich durch sie hindurchbewegt hatten – das lag jenseits von allem, was er in zwanzig Jahren Kommando gelernt hatte.

Aber er verstand genug.

Er verstand, dass sie gehalten hatte, bis es nicht mehr nötig war. Dass sie gewusst hatte, was kommen würde, lange bevor es kam, und dass sie es trotzdem getan hatte, ohne ein Wort darüber zu verlieren, das ihm die Last hätte abnehmen können, sie vorzubereiten.

Er bewegte sich nicht zu ihr.

Es war keine Kälte, die ihn zurückhielt. Es war etwas anderes – das Wissen, dass es in diesem Moment nichts gab, das er für sie tun konnte, das ihren letzten Akt respektieren würde mehr als zu stehen, zu bezeugen, das zu tragen, was er von nun an tragen musste.

Götz war neben ihm, lautlos, ohne dass Wolfram bemerkt hätte, wann er sich bewegt hatte.

Kein Wort zwischen ihnen.

An ihrer Konsole hatte Sigrid sich die Hand vor den Mund geschlagen, ein kurzer, unwillkürlicher Reflex, der genauso schnell wieder zurückgenommen wurde, als hätte sie selbst nicht erwartet, dass er kam. Eine einzelne Träne lief ihr über die Wange, ungesehen von den meisten, weil die meisten woandershin sahen. Sie wischte sie nicht weg. Sie wandte sich nicht ab. Sie sah einfach weiter zu Valeska, mit einem Ausdruck, der mehr trug, als die kurze Geste zeigte, etwas, das nie zwischen ihnen ausgesprochen worden war und das jetzt keine Gelegenheit mehr finden würde, es zu werden.

Karl stand auf der anderen Seite der Brücke, den Blick auf den Punkt gerichtet, an dem der Kanal sich geschlossen hatte – auf Siegfried, der nicht mehr hier war, der irgendwo war, das keiner von ihnen sehen konnte, und der jetzt, auf eine Weise, die Wolfram nicht greifen konnte, allein war mit dem, was als Nächstes kommen würde.

Wolfram dachte an das, was er nie ausgesprochen hatte.

Zwanzig Jahre, in denen er Valeska respektiert hatte, vertraut hatte, an seiner Seite gewollt hatte, ohne je das Wort zu benutzen, das die Crew vermutet, aber nie gehört hatte. Zwanzig Jahre, in denen Siegfried sein Sohn gewesen war, ohne dass er es je laut gesagt hätte, weil manche Dinge zu groß wurden, sobald man sie in Worte fasste, und weil er geglaubt hatte, dass Zeit genug bliebe, es eines Tages zu sagen.

Es gab keine Zeit mehr.

Er würde es nie aussprechen. Nicht jetzt, nicht zu ihr, die es nicht mehr hören konnte. Vielleicht nicht einmal zu Siegfried, wenn er zurückkam – wenn er zurückkam –, weil manche Wahrheiten ihre Form verloren, sobald sie zu spät kamen, um das zu ändern, was sie hätten ändern können.

Er trug es.

Kein Wort. Kein Zusammenbruch. Er stand, mit der ganzen Disziplin eines Mannes, der wusste, dass seine Crew ihn jetzt ansah, dass die Brücke einen Kommandanten brauchte, der stand, auch wenn alles in ihm danach verlangte, etwas anderes zu tun, das er sich nicht erlauben würde, nicht hier, nicht jetzt.

„Wolfram“, sagte Götz, leise.

Wolfram sah ihn an.

„Was befiehlst du.“

Es war keine grausame Frage. Es war Götz‘ Art, ihm das zu geben, was er in diesem Moment am meisten brauchte – nicht Trost, nicht Worte, sondern eine Aufgabe, etwas, das er tun konnte, weil Tun das war, was ihn aufrecht hielt, wenn nichts anderes es vermochte.

Wolfram sah noch einmal zu Valeska.

Dann wandte er sich der Brücke zu.

„Wir warten“, sagte er. „Bis er zurückkommt.“

Seine Stimme brach nicht.

Das war das Schwerste, was er je getan hatte.

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Siegfried wird Bifröst

Es begann ohne Übergang. Aber bevor es begann, gab es noch einen letzten, stillen Moment.

Christoph Ott – Autor, GE32 Universum

Christoph Ott · Autor

Gründer von Projekt Nordmark. Seit 2008 entstehen unter seinem Namen Motive, Texte und Musik rund um Haunebu, VRIL und nordische Mythologie. GE32 ist sein erstes narratives Universum – entstanden in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz, orchestriert und verantwortet vom Autor.